Die „Pokémon“-Reihe zeigt nach wie vor keine Abnutzungserscheinungen. Ganz im Gegenteil: Stattdessen stellen die Taschenmonster immer wieder neue Rekorde auf. Seit „X und Y“ verzeichnet der Pokédex über unglaubliche 700 verschiedene Arten von Pokémon und ein Ende ist längst nicht in Sicht. Doch bevor sich Game Freak an einen Nachfolger wagt, wird erst einmal Restaurationsarbeit geleistet. Nach den Remakes „HeartGold und SoulSilver“ sind nun „Pokémon Rubin und Saphir“ an der Reihe und bekommen einen neuen Anstrich spendiert. Doch schaffen „Pokémon Omega Rubin und Alpha Saphir“ den Spagat zwischen Nostalgie und Fortschritt?

Hallo Hoenn, wir haben dich vermisst!

In „Omega Rubin und Alpha Saphir“ geht es nach zwölf Jahren zurück in die Region Hoenn, die nicht nur von Wasser, sondern auch gleichermaßen von Berg- und Erdlandschaften dominiert wird. Held oder Heldin ziehen ihrem Vater in Hoenn-Region hinterher, der hier einen Posten als Arenaleiter übernommen hat. Die Bestimmung, der allerbeste Pokémon-Trainer zu werden, liegt also bereits im Blut. Traditionell bekommt man vom ansässigen Pokémon-Professor Birk sein erstes Pokémon überreicht und macht sich auf die Reise quer durch Hoenn, um die acht Arena-Orden zu sammeln und den Pokédex zu vervollständigen. Je nach Edition stellen sich dem Spieler die feindlichen Organisationen Team Magma oder Team Aqua entgegen, deren Ziel es ist, die Welt mit der Kraft der urzeitlichen Pokémon nach ihren Vorstellungen neu zu gestalten.

Alles alt, alles neu

Die Handlung wurde somit größtenteils aus den Original-Spielen beibehalten, wobei „Omega Rubin und Alpha Saphir“ es trotzdem gelingt, die in „X und Y“ eingeführten Mega-Entwicklungen in die Handlung einzufügen, ohne die Geschichte bedeutend zu verfälschen. Für alle, die sich dann doch eine vollständig neue Handlung wünschen, gibt es immerhin nach Spielabschluss die Delta-Episode, doch dazu erst später im Review mehr.

Folglich verläuft auch die Reise durch Hoenn im Groben identisch wie schon vor zwölf Jahren. Wer sich von den wiederholenden Laufwegen durch die Region genervt fühlte, wird sich darüber freuen, dass man an einigen Stellen nun wahlweise eine Schnellreise antreten kann. Damit wurde ein wesentlicher Kritikpunkt jedenfalls ausgebessert. Auch an anderen Stellen wurden die Spiele auf den aktuellen Stand der Reihe gebracht. Mega-Entwicklungen, Online-Features wie Global Link und PSS, die Hunderten neuen Pokémon, Reihumkämpfe und viel mehr finden sich auch in „Omega Rubin und Alpha Saphir“ wieder. Gleichzeitig sorgen gänzlich neue Inhalte und Ideen für Alleinstellungsmerkmale von „Omega Rubin und Alpha Saphir“.

Pokémon fangen 2.0

Der PokéNav aus den Vorlagen erhält in „Omega Rubin und Alpha Saphir“ ein umfassendes Update. In der Plus-Variante ist so beispielsweise der DexNav enthalten, der das gezielte Fangen von Pokémon erheblich vereinfacht. Auf dem Touchscreen werden seltene und besondere Pokémon lokalisiert, die sich dann im hohen Gras verstecken. Erstmals in einem „Pokémon“-Spiel kann man sich den Pokémon dann anschleichen und gezielt versuchen zu fangen. Umso häufiger man den DexNav auf einer Route benutzt, desto seltenere und stärkere Pokémon können lokalisiert werden. Das ist aber noch längst nicht alles: Der DexNav zeigt überdies an, ob man bereits alle Pokémon in einem Gebiet gefangen hat. Der Blick in den Pokédex oder auf Internet-Listen wird beim Pokémon-Sammeln somit überflüssig. Genau so kann man einfach ein bereits gefangenes Pokémon auf dem Touchscreen auswählen und der DexNav sucht in der Umgebung nach eben diesem. So fühlt sich „Pokémon fangen 2.0“ im Jahr 2014 an!

Über den Wolken

Was zunächst ganz spannend klang, sich aber dann eher als eine nette Dreingabe erweist, ist die neue Fähigkeit Überflieger. Bereits relativ früh im Spiel schließt sich dem Team je nach Episode ein Latias oder Latios an. Mit der Äonen-Flöte kann man es sogar dann herbeirufen, wenn es nicht im Team ist. Auf dem Rücken der mächtigen Pokémon kann man über die Hoenn-Region hinwegfliegen und auf Pokémon treffen, die nur in der Luft leben und versteckte Inseln erreichen, auf denen sogar legendäre Pokémon auftauchen. Diese sind aber schnell abgegrast und gefangen, sodass letztendlich die Möglichkeiten in den Lüften von Hoenn eher mager ausfallen. Immerhin zeigt Game Freak, was dank der neuen Spiele-Engine von „X und Y“ endlich möglich ist.

Alte Kritikpunkte bleiben

Auch wenn „X und Y“ im letzten Jahr nach den etlichen Nintendo DS-Ablegern für den dringend nötigen Fortschritt sorgte, waren die Spiele trotz allem Hype in der Retroperspektive nicht fehlerfrei. Genannt seien drei ganz bestimmte Kritikpunkte: Technische Mängel, zu einfacherer Schwierigkeitsgrad und eine geringe Langzeitmotivation. Zumindest in einem der drei Punkte hat Game Freak nachgebessert.

Mit der Delta-Episode folgt nach Spielende eine kurze weitere Handlung, in der das legendäre Pokémon Rayquaza im Mittelpunkt steht und der Ursprung der Mega-Entwicklung thematisiert wird. Erzählerisch ist die Delta Episode zwar alles andere als eine Glanzleistung, immerhin wird man aber nach Spielende weiter beschäftigt. Doch auch nach der Delta-Episode gibt es noch allerhand Aufgaben zu erledigen und Orte zu besuchen. Selbst wenn man mit Vollgas durch das Spiel geprescht ist und die Pokémon Liga nach knapp 20 Stunden beendet hat, bleiben genügend Beschäftigungen übrig. Da wären die Pokémon Wettbewerbe, das Rätselhaus, Neu Malvenfroh, die legendären Pokémon, LeBelle und noch vieles mehr.

Dennoch bleibt das Gefühl, dass man die Spielzeit auch hätte straffen können, wenn der Schwierigkeitsgrad höher liegen würde. Echte „Pokémon“-Veteranen, die seit der ersten Generation am Ball sind, unterliegen nämlich keinen Anfängerproblemen. Diese werden mit Leichtigkeit die Pokémon Liga besiegen, ohne ein spezielles Training angehen zu müssen. Der Trend von „X und Y“ setzt sich also fort. Es ist schade, dass der Hürdenmodus aus „Schwarz 2 und Weiß 2“ in Vergessenheit geraten ist.

Technisch immer noch nicht einwandfrei

Leider haben auch „Omega Rubin und Alpha Saphir“ nach wie vor mit technischen Problemen zu kämpfen. In den Kämpfen kommt es oft zu Einbrüchen der Bildrate, speziell dann, wenn der 3D-Effekt aktiv ist. Nur ein Bruchteil der Oberwelt kann überhaupt in 3D betrachtet werden. Speziell in Sachen Bildrate war die Hoffnung da, dass Game Freak die Zeit seit „X und Y“ dazu genutzt hat, um Optimierungen zu treffen. Anscheinend bringen die „Pokémon“-Spiele den Nintendo 3DS aber tatsächlich an seine Grenzen. Es bleibt abzuwarten, ob die New 3DS-Modelle in dieser Hinsicht in Zukunft Abhilfe schaffen können.

Löblich ist aber auch, was Game Freak im Soundtrack der Editionen leistet. Die „Pokémon“-Titel haben bereits immer einige tolle Stücke angeboten, die vor allem durch den Ohrwurmfaktor gepunktet haben. Seit der fünften Generation merkt man den Spielen jedoch deutlich an, dass viel beeindruckendere Kompositionen vorgenommen werden. Ähnlich verhält es sich nun auch in den Remakes, die von wundervollen Arrangements der Soundtracks aus den ursprünglichen Editionen bis hinzu komplett neuen Stücken in der Musik wahrlich beeindrucken können.