Vor wenigen Jahren waren die japanischen Rollenspiele kaum aus den heimischen Wohnzimmern wegzudenken. Die Erfolgswelle, die hierzulande am ehesten dem PlayStation-Klassiker „Final Fantasy VII“ zuzuschreiben ist, zog Titel wie „Grandia“, „Skies of Arcadia“ und „Dragon Quest“ nach sich, die zuvor gerade in Europa kaum Beachtung fanden. Seit dem Sprung in die aktuelle Generation fristen die klassischen Rollenspiele jedoch ein Nischendasein. Selbst der aktuelle Sprössling der „Final Fantasy“-Reihe legt mehr Wert auf Action und opulente Grafiken, als auf eine mitreißende Geschichte und ausgiebige Erkundungstouren. Mit „Xenoblade Chronicles“ aus dem Hause Monolithsoft hat Nintendo nun aber genau den Titel am Start, der die alten Tugenden mit westlichen Elementen verbinden möchte. Wieso uns das Experiment derart gut gefallen hat, werden wir euch in den folgenden Absätzen verraten.

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Prolog


Zwei verfeindete Titanen mit den Namen Bionis und Mechonis tragen seit Jahrhunderten einen erbitterten Kampf aus. Sobald einer der beiden einen kleinen Fehler begeht, ist der andere schon an der richtigen Stelle und schlägt mit der wuchtigen Klinge kraftvoll zu. Die beiden sind sich sichtlich ebenbürtig und es scheint so, als sei kein Ende in Sicht. Als beide schließlich die Kräfte sammeln und für einen finalen Schlag ausholen, trifft die Energie der beiden aufeinander und friert sie in der Zeit ein. Fortan sind sie gefangen und bleiben leblos in den Weiten des Meeres dem Zerfall ausgeliefert.

Äonen später


Einige Zeit ist seit dieser monumentalen Auseinandersetzung vergangen und inzwischen dienen die steinernen Körper der Titanen als Heimatort zahlreicher Lebewesen. Darunter auch die Rasse der Homs auf Bionis, die Menschen ähneln, technisch absolut versiert sind und sogar mit der ein oder anderen hilfreichen Magie aufwarten können. Bei einer Schlacht gegen die fiesen Mechons, die derweil Mechonis bewohnen, mussten zahlreiche Verluste eingesteckt werden und nur durch den Kriegshelden Dunban und dessen Monado, einer Art übermächtigen Waffe mit versteckten Kräften, konnte man sich gegen die Widersacher durchsetzen.

Ein Jahr nach der Schlacht ist der Held allerdings immer noch sehr von den alten Kräften des Schwertes geschwächt und wird von seiner Schwester und anderen Freunden unterstützt. Darunter befindet sich auch der Tüftler Shulk, der ein Auge auf die kleine Schwester geworfen hat und bei einem erneuten Angriff versucht, sein Heimatdorf zu verteidigen. Die Protagonisten müssen dabei einen Schicksalsschlag nach dem anderen wegstecken und versuchen fortan, die Mechon ein und für alle Mal zu bezwingen.

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Auf dem Rücken des Titanen


Nach einigen anfänglichen Einführungen kann man sich nach diesem ersten spannenden Kapitel auf die Jagd nach den Mechon machen und die umwerfende Welt in „Xenoblade Chronicles“ erkunden. Zunächst erkennt man die einst typischen japanischen Erkennungsmerkmale des Genres. Man reist mit einer Heldentruppe durch das Land, besucht die benachbarten Siedlungen, streift durch vor Kreaturen nur so triefenden Höhlen, besiegt eben jene Monster und das fast gänzlich ohne störende Ladezeiten.

Die Welt in „Xenoblade Chronicles“ besteht aus riesengroßen Arealen, bei denen Kracher wie „Final Fantasy XIII“ nur beschämt auf den Boden starren, und überzeugt durch die liebevolle Gestaltung, die deutlich die Liebe zum Detail des Studios präsentiert. In jeder Ecke gibt es versteckte Gegenstände oder Geheimlager bestimmter Gegnertruppen. Somit wird man immerzu motiviert, nicht nur schnurstracks zum nächsten Ziel zu wandern, sondern sich ausgiebig mit den Landschaften auf Bionis auseinander zu setzen. Betritt man dabei eine neue Umgebung, wird anschließend eingeblendet, an welcher Stelle des Titanen man sich gerade befindet. Somit durchstöbert man mit dem Trupp beispielsweise das Bein oder die Lunge des Koloss.

Spannendes Kampfsystem


Was nun eher nach japanischem Spieldesign klingt, wird durch zahlreiche westliche Elemente deutlich aufgelockert. Das Kampfsystem lässt sich am ehesten als eine Mischung aus „Final Fantasy XII“, „White Knight Chronicles“ und typischen Mehrspieler-Onlinerollenspielen beschreiben. Man sieht seine Feinde jederzeit in der Spielwelt herumlaufen und kann durch Knopfdruck einen Kampf beginnen. Die Helden greifen hierbei automatisch mit einem Standardangriff an und können zusätzlich von verschiedenen Techniken Gebrauch machen.

Wie im Ritterspiel aus dem Hause Level-5, kann man die Techniken allerdings immer nur in gewissen Abständen verwenden, denn sobald man einen Spezialangriff gestartet hat, dauert es von wenigen Sekunden bis zu einigen Minuten, bevor man ihn erneut einsetzen kann. Die besonderen Attacken sind dabei zwar stärker und lassen sich durch Technikpunkte verbessern, gleichzeitig lädt sich mit Standardangriffen jedoch der Balken des Monados auf. Jene Aktionen mit dem Monado dienen zum Beispiel dazu, einen besonders verheerenden Schlag einzusetzen oder die eigenen Mannen mit einem Schutzschild auszustatten.

Des Weiteren darf man Gebrauch von Kombinationsangriffen machen. Dazu wird eine gewisse Moral des Teams vorausgesetzt. Hilft man seinen Freunden während des Kampfes, verbessert ihre Verteidigung oder verschafft ihnen Vorteile bei der Konfrontation, füllen sich drei benötigte Anzeigen. Belebt man nun einen verstorbenen Krieger wieder oder warnt einen lebendigen Helden vor einer Spezialattacke, wird einer dieser Balken genutzt. Schafft man es allerdings, drei dieser Anzeigen zu füllen, kann man in aller Ruhe die gewünschte Aktion mit jedem der Helden ausführen und mit etwas Glück sogar um weitere Angriffe durch eine Kombo erweitern.

Das Kampfsystem in „Xenoblade“ ist leicht zu erlernen und wird mit der Zeit immer anspruchsvoller. Dadurch werden Neulinge schnell und absolut verständlich an das Spielprinzip herangeführt, gleichzeitig steigt aber auch der Schwierigkeitsgrad stetig an, wird aber nur in den seltensten Fällen zu hart oder gar unfair. Man befindet sich eben nach wie vor in einem Rollenspiel, da ist es zwischenzeitlich schon einmal nötig, den ein oder anderen zusätzlichen Gegner zu erledigen, um eine Stufe aufzusteigen. Löblich ist zudem die Tatsache, dass man zu fast jeder Zeit abspeichern kann und dadurch nicht erst wie üblich zu einem Speicherkristall laufen muss.

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Der Heldenalltag


Obwohl die Hauptgeschichte schon mindestens 40 bis 50 Stunden in Anspruch nimmt, hat Monolithsoft zusätzlich hunderte von Nebenmissionen eingebaut, die man sich von befreundeten Charakteren in Not abholen kann. Dazu gehören unter anderem Aufträge, bei denen man eine besonders mächtige Kreatur besiegen muss oder schlicht und ergreifend einen verlorenen Ohrring auffinden soll. Dadurch steigt die Freundschaft zu anderen Charakteren und selbstverständlich auch der Betrag auf dem Konto der Figuren.

Mit dem Geld kann man schließlich, wie gewohnt, ausgiebig beim örtlichen Händler shoppen und für die Recken den neuesten Schrei in Sachen Rüstungen erstehen. Jedes neue Kleidungsstück wird dabei auch am Charakter gezeigt, vorbei sind also die Zeiten der Standardkleidung, die nie gewechselt wird. Zahlreiche Ausrüstungsgegenstände kann man zusätzlich noch mit Juwelen bestücken, die bestimmte Statuseffekte hervorrufen. Jene Artefakte schmiedet man ebenso beim Händler vor Ort in einem kleinen Minispiel, das erneut auf den Freundschaftsgrad der Figuren setzt. Als Ausgangspunkt benötigt man dafür jedoch die Materialien, die man auf der Reise an leuchtenden Steinen abbauen kann.

Eine weitere Beschäftigung ist das Vervollständigen einer Art Enzyklopädie der Lebewesen und Gegenstände eines Areals. So sind in jeder Umgebung zahlreiche leuchtende, blaue Kugeln verteilt, die zum Teil nur zu bestimmten Tageszeiten erscheinen. In dem dafür vorgesehenen Buch kann man diese Funde schließlich eintragen und schaltet weitere Boni frei, wie beispielsweise nützliche Juwelen oder Rüstungen. In „Xenoblade Chronicles“ gibt es demnach zu jeder Zeit genügend zu tun, auch wenn man einmal eine kleine Pause von der spannende Hauptgeschichte einlegen möchte.

Technik


Zuletzt lässt sich noch über die fabelhafte Technik schwärmen, die auf der Wii ihresgleichen sucht. Angefangen bei den bombastischen Umgebungen, die liebenswürdig gestaltet wurden, über die umwerfende Weitsicht oder dem allgemeinen Charme des Spiels durch farbenfrohe Areale. Dafür werden selbstverständlich kleinere Abzüge in Kauf genommen, was gerade an den Modellen der Charaktere, sporadisch aufploppenden Objekten und zum Teil mittelmäßigen Texturen auffällt, die jedoch nach wie vor hübsch aussehen. Von jeder erforschten Welt wird man dafür aber aufs Neue überrascht und verzaubert.

Wie viel Mühe man sich dann noch für die europäischen Spieler gemacht hat, sieht man an der Sprachausgabe des Spiels. Standardmäßig sind englische Stimmen britischer Herkunft zu hören, die allesamt passend und überraschend sympathisch klingen. Optional lassen sich aber auch die originalen japanischen Synchronsprecher auswählen, was nicht wenige Fanatiker begeistern dürfte. Natürlich gibt es dazugehörige deutsche Untertitel, weshalb es jedem ermöglicht wird, den Geschehnissen zu folgen.

Hinzu kommt eine der besten Soundkulissen, die man in den vergangenen Jahren gehört hat. Jede Umgebung wartet mit neuen Melodien auf, die das Gezeigte hervorragend untermalen, die Atmosphäre nochmals verstärken und gleichzeitig im Ohr hängen bleiben.

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