Inside Nintendo 155: Die 3DS-Reportage, Teil 4: Aufstieg und Fall des 3D-Handhelds (2010–2011)

Heute, da der Nintendo 3DS einerseits mit über 75 Millionen Verkäufen keineswegs als Misserfolg gelten kann und andererseits am Ende seines Marktzyklus steht, vergisst man gerne, dass die ersten Jahre des 3D-Handhelds eine wahre Achterbahn der Gefühle waren. 2010 sorgte das Wunder-Gerät zu seiner Ankündigung für riesige Vorfreude, die Anfang 2011 bei der Markteinführung dann aber rasch Ernüchterung wich. So gestaltete sich die erste Zeit des 3DS auf dem Markt als so schwierig wie bei keiner anderen Nintendo-Konsole zuvor. Doch noch innerhalb des ersten Jahres gelang es Nintendo, das Blatt zu wenden. Der ganzen Geschichte gehen wir im Folgenden ausführlich nach.

Nintendo-Präsident Satoru Iwata enthüllt den Nintendo 3DS auf der E3 2010.

Die Gerüchteküche kocht auf

Manche Spielefans spekulieren ja schon mit dem Zeitpunkt des Erscheinens einer Spielekonsole über deren potenziellen Nachfolger. Im Vorfeld der Veröffentlichung des Nintendo 3DS war die Situation aber relativ ruhig. Der Vorgänger, der ursprünglich 2004 auf den Markt gekommene Nintendo DS, konnte sich nämlich sehr lang aktuell halten. Außerdem erschien 2008 mit dem DSi ein Hardware-Update, das die Gedanken an eine völlig neue Handheld-Generation zunächst vertrieb. Größeres Interesse galt dagegen einem möglichen HD-Nachfolger der Heimkonsole Wii, die damals ihren größten Hype hinter sich hatte und zu schwächeln begann.

Die ersten handfesten Gerüchte zu einer neuen Handheld-Generation aus dem Hause Nintendo kamen Mitte Oktober 2009 auf. Damals berichtete eine englischsprachige Website, dass der Technikkonzern Nvidia mit Nintendo einen Vertrag über das technische Innenleben für eine neue Generation von Handheld-Konsolen abgeschlossen habe. Dem Gerücht zufolge werde der DS-Nachfolger mit einem Nvidia-Tegra-Chipsatz betrieben. Dementsprechend laute der Projektname des Geräts „Nintendo TS“, das stehe für „Tegra System“. Weiter hieß es, der neue Handheld solle viel leistungsstärker als ein Nintendo DS sowie möglicherweise abwärtskompatibel zu diesem sein und Ende 2010 vorgestellt werden.

Nintendo lässt die Katze aus dem Sack

In den nächsten Monaten wurde viel spekuliert und es kamen neue Gerüchte hinzu. Im Januar 2010 etwa soll Nintendo-Präsident Satoru Iwata im Interview mit einer japanischen Zeitung bestätigt haben, dass der nächste Handheld seines Konzerns hochdetaillierte Grafiken ermöglichen und einen Bewegungssensor umfassen solle. Nintendo selbst dementierte den Bericht jedoch; Iwata sei falsch verstanden worden. Andere Gerüchte sprachen davon, dass erste Entwickler die Hardware für den DS-Nachfolger bereits im Besitz hätten. Für allzu viel Aufmerksamkeit sorgten aber all diese Meldungen nicht, die Nintendo-Fans waren offenbar noch mit dem DS und dessen damaligen Spieleangebot ganz zufrieden.

Ohnehin waren es hauptsächlich die üblichen vagen Gerüchte, die sich rückblickend oft schwer wirklich bestätigen lassen. Das Nvidia-Gerücht wurde jedenfalls einige Monate später widerlegt, denn das technische Herzstück des finalen 3DS stammt von ARM. Dass Nintendo an einem völlig neuen Handheld arbeitete, konnte man sich damals auch ohne die Gerüchteküche denken; diese aber feuerte die Spekulationen an und schien auf eine baldige offizielle Ankündigung hinzudeuten. So geschah es auch bald, denn bereits am 23. März 2010 kündigte Nintendo in einer schlichten Pressemitteilung als offiziellen Nachfolger des DS den Nintendo 3DS an.

Die Bestätigung des Nintendo 3DS forderte zahllose Grafiker heraus, ihre eigenen Vorstellungen zur neuen Nintendo-Konsole zu visualisieren. Anders als etwa bei der Wii – damals sorgte das völlig erfundene „Nintendo On“-Gerücht für viel Aufmerksamkeit – oder der Switch gab es aber keine angeblichen Leaks; das Aussehen des 3DS blieb bis zur E3 2010 fest unter Verschluss. Hier zeigen wir einige Grafiken, die zuvor kursierten – das rechte war natürlich nicht ganz ernst gemeint.

Rätselraten in einer neuen Dimension

Das war nicht gerade der beste Zeitpunkt für eine Ankündigung, denn dadurch drohten potenzielle Käufer der DS-Revision DSi XL, die fünf Tage darauf in Nordamerika herauskam, abgeschreckt zu werden. Möglicherweise hatte sich Nintendo von den Gerüchten herausgefordert gefühlt und wollte durch die Bestätigung sicherstellen, die Kontrolle über die Bekanntgabe der Informationen zu behalten. Jedenfalls gab die Ankündigung nur die nötigsten Informationen preis: Der Nintendo 3DS werde einen 3D-Effekt ohne Brille ermöglichen und spätestens im März 2011 auf den Markt kommen. Weitere Informationen teilte Nintendo nicht mit, sondern verwies auf die E3-Spielemesse im Juni.

Damit hatte die Videospieleindustrie die offizielle Bestätigung, dass der äußerst erfolgreiche wie einflussreiche DS bald von einen Nachfolger abgelöst würde, und auch die Kernfunktion dieses neuen Geräts war schon bekanntgegeben. Die Reaktionen fielen damals eher verhalten aus: dass ein DS-Nachfolger kommen würde, war ohnehin nur eine Frage der Zeit gewesen, und ein neuer Handheld, der das DS-Konzept weiterführt und auf den damals aufkommenden 3D-Zug aufspringt, erschien nicht wirklich als Überraschung. Wie der 3D-Effekt funktioniere und welchen Nutzen er haben würde, blieb zunächst noch völlig unklar; viele Spekulationen, die damals in der Spielepresse umhergeisterten, hatten mit dem, was der 3DS schlussendlich zu bieten vermochte, eher wenig zu tun.

US-Behörde lässt 3D-Handheld durchsickern

In den nächsten Wochen ist es Nintendo gelungen, Aussehen und weitere Funktionen des 3DS weiterhin unter Verschluss zu halten. Jedoch lässt sich bei einem heiß erwarteten neuen Produkt der Unterhaltungsbranche kaum verhindern, dass nicht doch die ein oder andere Information durchsickert, und so war es auch beim 3DS der Fall gewesen. Der größte Leak erfolgte nicht etwa durch Videospieljournalisten oder Brancheninsider, sondern durch die Federal Communications Commission der Vereinigten Staaten.

Die unter anderem für die Zulassung von Kommunikationsgeräten zuständige Behörde, die den 3DS auf Normenverträglichkeit prüfte, stellte nämlich Ende April 2010 versehentlich die interne Nutzungsanleitung für die Entwicklerhardware des 3D-Handhelds online. Das Dokument, das auf den 9. April 2010 datiert ist und direkt von der Nintendo-Handheldabteilung R&E stammt, enthielt Bilder der Entwicklungshardware. Dadurch wurden etwa Details zu den Bildschirmen, den Kameras und den Netzwerk-Modulen des 3DS bekannt. Da in dem vertraulichen Papier nur der Projektname „CTR“ verwendet wird, war zunächst aber noch unklar, ob wirklich die Entwicklungshardware des 3DS zu sehen sei.

Dieses Bild von der Entwicklungshardware des Nintendo 3DS hat eine US-Behörde im April 2010 versehentlich veröffentlicht. Wie bei Dev-Kits üblich, handelt es sich praktisch nur um die technischen Komponenten ganz ohne ein Gehäuse. Wie der 3DS dann letztlich aussehen würde, blieb weiterhin Thema verschiedenster Spekulationen.

Vorhang auf für eine neue Dimension des Videospielens

Gänzlich wurden die Schleier dann wie geplant erst auf der E3 im Juni fallen gelassen, als Nintendo den 3DS erstmals der Öffentlichkeit präsentierte. Die Messe wäre zwar auch ohne das 3D-Gerät für Nintendo ein voller Erfolg gewesen, dank Highlights wie „Zelda: Skyward Sword“ oder „Donkey Kong Country Returns“. Doch die größte Nachricht war dann eben die Enthüllung der brandneuen Konsole, die Nintendo als neue Ära des Videospielens einführte, sowie ihrer ersten Spiele. Auf der Pressekonferenz selbst wurde nur „Kid Icarus: Uprising“ gezeigt – das aber aus gutem Grund: Dessen Entwickler Masahiro Sakurai, ein guter Freund Iwatas, war Mitte 2008 als wohl erste Person außerhalb Nintendos in das 3DS-Projekt eingeweiht worden.

Im Laufe der Spielemesse sind dann viele weitere 3DS-Titel vorgestellt worden, darunter „Mario Kart 7“, „Zelda: Ocarina of Time 3D“, „Animal Crossing: New Leaf“, „Paper Mario: Sticker Star“, „Metal Gear Solid: Snake Eater 3D“, „Resident Evil: Revelations“ und die AR-Spiele. Die erste Resonanz auf den 3DS war überwältigend. Fachpresse wie Spieler waren von der Hardware und ihren ersten Spielen absolut begeistert – und ganz besonders vom 3D-Effekt. Immerhin war 3D damals ein aufstrebender Trend; Nintendos „3D ohne Brille“-Lösung bedeutete dabei eine große Innovation und versprach ein neues Zeitalter für Videospiele wie für 3D-Medien überhaupt einzuläuten. Der Spielehistoriker Leonard Herman fasste die Stimmung nach der E3 zusammen: „Der Hype, der dem 3DS vorausging, machte diesen zu einer der meisterwarteten Konsolen aller Zeiten.“

Sehen heißt glauben

Das wäre nicht möglich gewesen, hätte Nintendo den 3DS nicht direkt in anspielbarer Form präsentiert. Im Vorfeld hatte Iwata für viel Druck gesorgt, damit der 3DS in funktionstüchtiger Form vorgestellt werden könne. Nötigenfalls hätte er sogar eine unfertige Hardware gezeigt, solange die Besucher wenigstens selbst in den Genuss von 3D ohne Brille hätten gelangen können. Nintendo war sich nämlich schon früh der Problematik bewusst, dass der 3D-Effekt eine Funktion war, deren Reiz sich nicht durch Bilder vermitteln lässt, sondern den man selbst erleben muss. Die Mühen zahlten sich aber aus, denn auf der E3 2010 war fast jeder, der den 3D-Effekt des 3DS selbst ausprobiert hatte, direkt begeistert.

In der nächsten Zeit bemühte sich der Konzern in der Vor-Vermarktung, etwa in „Iwata fragt“-Interviews, weiter den Reiz des 3DS zu vermitteln. Immer wieder wurde dabei betont, dass man den 3D-Effekt selbst erleben müsse, um ihn verstehen zu können. Wie schwierig dies für das Marketing war, hatte Nintendo ja schon schmerzhaft mit dem Virtual Boy erleben müssen. Aus dem Debakel um das 3D-Gadget von Mitte der 1990er Jahre hatten die Japaner aber ihre Lehren gezogen. Da der 3DS mehr als nur den 3D-Effekt zu bieten hatte, war er nicht völlig von diesem abhängig; als DS-Nachfolger hatte das Gerät schon für sich genug Zugkraft.

Mit diesem Trailer versuchte Nintendo, dem besonderen Spielerlebnis des 3DS Ausdruck zu verschaffen. Auch wenn der Clip mit dem 3D-Effekt eher wenig zu tun hat – unterhaltsam ist er alle Male.

Mögen die Spiele beginnen!

Ende September 2010 gab Nintendo bekannt, dass der 3DS in Japan am 26. Februar 2011 auf den Markt kommen werde. Wann es im Rest der Welt soweit sein sollte, teilte der Konzern damals noch nicht mit. Viele Spekulationen und Gerüchte rankten sich indes auch um einen Nachfolger von Sonys DS-Konkurrent PlayStation Portable. Diesen kündigte Sony schließlich im Januar 2011 und damit kurz vor der Veröffentlichung des 3DS unter dem Projektnamen „Next Generation Portable“ offiziell an. Die nächste Runde des Wettstreits um den Handheld-Markt war damit eröffnet und sollte dem 3DS zu Beginn seines Lebenszyklus viel Kraft abverlangen.

Wie angekündigt, erschien der 3DS dann am 26. Februar 2011 in Japan. Obwohl das Gerät mit einem Preis von 25000 Yen Nintendos teuerster Handheld war, fanden fast alle 400.000 Exemplare, die zur Markteinführung ausgeliefert worden waren, direkt einen Abnehmer. Auch als der 3DS am 25. März sein Debüt in Europa und zwei Tage später in Nordamerika gab, entsprachen die Verkaufszahlen der überschwänglichen Vorfreude. So wurden in Nordamerika ebenfalls um die 400.000 Geräte in den ersten Tagen verkauft, was den 3DS zu Nintendo of Americas erfolgreichstem Handheld-Launch machte.

Zur Markteinführung des 3DS veranstaltete Nintendo of America in New York City eine offizielle Launchparty (Quelle). „Hunderte von Leute, die vor dem Best-Buy-Laden versammelt waren, erhielten 3D-Brillen und warfen diese, als es Mitternacht schlug, feierlich in die Luft, um die Geburt von 3D-Spielen ohne Brillenzwang zu symbolisieren“, berichtete Videospielhistoriker Herman.

Erdbebenkatastrophe, Spieledürre und Schwindelgefahr

Doch diese guten Zahlen konnte der 3DS leider nicht aufrecht erhalten. In Japan ereignete sich am 11. März das Tohoku-Erdbeben mit einer großen Tsunami-Katastrophe, wodurch das Interesse des Landes der aufgehenden Sonne an einem neuen teuren Unterhaltungsprodukt erheblich gedämpft wurde. Doch auch in Europa und Nordamerika ließen die Verkäufe unmittelbar nach der erfolgreichen Erstwoche stark nach. Dafür wurde neben dem hohen Preis für das Gerät vor allem die magere Spieleauswahl verantwortlich gemacht, denn unter den Launch-Titeln des 3DS befand sich kein System-Seller wie etwa „Super Mario 64“ für das N64 oder „Wii Sports“ für die Wii.

So wurde der 3DS nach dem GameCube Nintendos zweite Konsole, die zum Start kein neues „Super Mario“-Spiel erhielt. Zumindest waren zum späteren „Super Mario 3D Land“ im März erste Screenshots gezeigt worden.´Eine weitere Schwierigkeit bestand darin, dass es keine wirkliche Nachfrage für einen ganz neuen Handheld gab. Der alte DS verkaufte sich weiterhin gut und erhielt im Launchmonat des 3DS sogar mit „Pokémon Schwarze und Weiße Edition“ noch einen Mega-Blockbuster, der zwar auch auf dem 3DS läuft, aber keinerlei Gebrauch von dessen neuen Fähigkeiten macht. Für das angesagteste Handheld-Spiel des Frühjahrs 2011 war kein 3DS erforderlich – das beförderte dessen Verkäufe natürlich nicht gerade.

Dem nicht genug, sah sich Nintendo auch mit schlechter Presse konfrontiert. Es verbreitete sich die Meldung, dass der 3DS mit seinem 3D-Effekt die Augen der Spieler schädige und dass Nintendo von entsprechenden Kundenbeschwerden überhäuft werde. Auch wenn der Konzern dies dementierte und der 3DS natürlich keine bleibenden Augenschäden hervorruft, so können beim 3DS-Spielen doch Kopfschmerzen und Schwindel auftreten – wie es ja bei allen 3D-Medien der Fall ist, wobei manche Menschen empfindlicher als andere sind und man sich meist rasch an den 3D-Effekt gewöhnt. Das veranlasste Nintendo jedenfalls dazu, den ja völlig optionalen 3D-Effekt als für kleine Kinder ungeeignet einzustufen.

Nintendo selbst lieferte zur Markteinführung seiner neuen Konsole bloß „Nintendogs+Cats“ sowie „Pilotwings Resort“. Auch die vielen großen Marken von Drittherstellern, die in dieser Zeit 3DS-Ableger erhielten – im Gegensatz zur späteren Wii-Zeit hatte Nintendo wieder verstärkte Unterstützung großer Third-Party-Studios –, konnten Spieler kaum zum Kauf überzeugen.

Big N rutscht in die roten Zahlen

In den darauffolgenden Wochen und Monaten besserte sich die Situation kaum. Es war häufig von einer Spieleflaute die Rede, denn es kamen nur wenige neue Spiele für den 3DS heraus. Außerdem waren wichtige Funktionen wie der eShop oder der Internetbrowser noch nicht verfügbar und wurden dann noch von Mai auf Juni verschoben. Erst im Juni erschien der erste richtige Spitzentitel für Nintendos neuen Handheld, nämlich das Remake eines der beliebtesten Spiele aller Zeiten, „Zelda: Ocarina of Time 3D“. Wie erwartet, wurde das Spiel ein großer Erfolg – als erster 3DS-Titel vermochte es die Marke von einer Million Verkäufen zu knacken – und gab dem 3DS den dringend nötigen Schub.

Dieser Schub konnte aber nichts mehr dagegen ausrichten, dass die 3DS-Verkaufszahlen deutlich niedriger ausfielen, als Nintendo es erwartet hatte. Innerhalb der ersten drei Monate verkaufte Nintendo of America etwa lediglich 830.000 Exemplare. Der alles andere als reibungslose Übergang vom DS zum 3DS hatte in Verbindung mit dem arg schwächelnden Wii-Geschäft zur Folge, dass Nintendo im zweiten Quartal 2011 einen Verlust von fast 500 Millionen US-Dollar zu vermelden hatte. Zum ersten Mal seit Beginn der Aufzeichnung von Nintendos Finanzdaten 1981 fuhr der Konzern ein Minus ein – es war also ein historischer Verlust.

Nintendo kehrt um und tut Buße

Die Situation mit dem 3DS war festgefahren. Denn einerseits verkaufte sich der 3DS vor allem wegen der wenigen Spieleerscheinungen so schleppend, andererseits erschienen wenige neue Spiele, weil sich das Gerät so schleppend verkaufte. Nintendo steckte in einer Zwickmühle, die nicht wenige Schwarzmaler dazu veranlasste, dem „Mario“-Konzern seinen baldigen Untergang vorauszusagen.

Nintendos Geschichte hat uns aber schon häufig bewiesen, dass sich der japanische Konzern nicht so einfach kleinkriegen lässt, und so sollte es Big N noch gelingen, mit dem 3DS das Blatt zu wenden. Der Ausgangspunkt war eine starke Preissenkung, die im August 2011 in Kraft trat. Gerade einmal ein halbes Jahr nach Markteinführung wurde der Preis des 3DS um rund ein Drittel gesenkt, von 250 Euro auf 170 Euro. In Japan fiel die Preissenkung sogar noch etwas stärker aus. Der 3DS wurde fortan unter dem Produktionspreis verkauft, sodass Nintendo mit jeder verkauften Einheit Geld verlor.

Es war das erste Mal, dass Nintendo aufgrund schwacher Verkäufe den Preis einer neuen Konsole so kurz nach dem Launch gesenkt hat. Diese Maßnahme zeigt, wie ernst die Situation gewesen sein muss, auch wenn das Unternehmen aufgrund gigantischer Geldreserven von einem Bankrott freilich weit entfernt war. Dabei kam es nicht etwa zu Entlassungen, wie es häufig bei Umsatzeinbrüchen börsennotierter Unternehmen der Fall ist, vielmehr übernahm Nintendo-Präsident Iwata persönlich die Verantwortung für den schwachen 3DS-Start und kürzte sein Gehalt um die Hälfte. Auch alle anderen Manager des Konzerns erhielten Gehaltskürzungen.

Nintendo entschädigte Frühkäufer des 3DS neben dem digitalen Botschafter-Zertifikat mit je zehn kostenlosen NES- und GBA-Spielen. Während die 8-Bit-Klassiker 2012 kostenpflichtig auch für alle anderen erschienen, blieben die 16-Bit-Spiele exklusiv für die sogenannten 3DS-Botschafter.

Super, Mario! – Klempner kurbelt Konsolen-Käufe an

Die 3DS-Preissenkung war Segen und Fluch zugleich. Einerseits schlugen nun viele Leute zu, die zuvor vom hohen Preis abgeschreckt worden waren, andererseits aber fühlten sich jene, die die Konsole bereits zum höheren Preis erworben hatten, ob der jähen Reduzierung vor den Kopf gestoßen. Damit diese nicht leer ausgingen, kündigte Nintendo das sogenannte Botschafter-Programm an. Wer seinen 3DS vor der Preissenkung erworben hatte, erhielt ab dem 1. September zehn NES-Spiele zum kostenlosen Download sowie später auch zehn GBA-Spiele.

Während sich Frühkäufer über das Botschafter-Programm freuten, zeigte die Preissenkung für Nintendo die erhoffte Wirkung und sorgte für einen starken Anstieg der 3DS-Verkaufszahlen. Rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft 2011 lieferten die Japaner dann auch auf der Spielefront und veröffentlichte mit „Super Mario 3D Land“ und „Mario Kart 7“ zwei Evergreen-Titel, die sich noch heute auf den Verkaufscharts der 3DS-Spiele behaupten können. Wäre wenigstens eines der beiden Spiele schon zum Konsolenlaunch verfügbar gewesen – so der damalige Tenor der Nintendo-Fanbasis –, dann hätte der 3DS einen weitaus erfolgreicheren Start hingelegt.

Krise abgewendet

Bis Ende 2011 sind weltweit 13,25 Millionen 3DS-Systeme verkauft worden. Auch wenn die vorherige Generation der Nintendo-Handhelds 2011 noch respektable neun Million Mal über die Ladentheke gegangen ist, so hat insgesamt doch der 3DS die Staffel vom DS übernehmen können. Etwa jeder zweite 3DS war dabei im vierten Quartal verkauft worden – die Preissenkung hat zusammen mit den Neuerscheinungen dieser Monate sowie dem Weihnachtsgeschäft also für enormen Aufwind gesorgt. Der 3DS konnte sogar in mancher Hinsicht bessere Zahlen erreichen als der DS in seinem ersten Jahr. Dabei ist jedoch zu bedenken, dass der DS erst ungefähr im zweiten Jahr richtig Fahrt aufgenommen hatte.

Im Dezember 2011 war in Japan als Konkurrenz für den 3DS Sonys PlayStation Vita auf den Markt gekommen. In Europa und Nordamerika erfolgte die Veröffentlichung des Handhelds, der den 3DS aus technischer Sicht deutlich abhängte, erst am 22. Februar 2012. Auch die Vita erreichte unmittelbar zur Markteinführung gute Verkaufszahlen, jedoch sackten diese bald ab. So drastisch wie beim 3DS war die Situation für Sonys neuen Handheld zwar nicht, dennoch blieb dieser ebenfalls hinter den Erwartungen zurück. Dass sich die Vita weitaus besser als der 3DS verkaufen würde, wie von einigen aufgrund der überlegenen Rechenleistung vermutet worden war, traf jedenfalls nicht ein.

Bei der PlayStation Vita war der Name leider nicht Programm, denn im Gegensatz zum 3DS war dem Sony-Handheld kein sonderlich langes und erfolgreiches Leben vergönnt. Dabei war ursprünglich die Vita als Sieger des Konkurrenzkampfes gehandelt worden. (Bildquelle)


Die Geschichte des Nintendo 3DS hat glücklicherweise nicht nach Aufstieg und Fall ein jähes Ende genommen, vielmehr ist es Nintendo gelungen, das Ruder noch herumzureißen. Dem DS-Nachfolger, der Ende 2011 neue Kraft hat sammeln können, standen dadurch noch einige blühende Jahre bevor. Mit der nächsten Zeit des Marktzyklus der 3D-Konsole werden wir uns in der nächsten Ausgabe von „Inside Nintendo“ beschäftigen. Im Fokus werden dabei die einzelnen Mitglieder der Nintendo-3DS-Familie stehen, die von 2012 bis 2017 auf den Markt gekommen sind.

Als Quelle fungierte neben anderen: Leonard Herman: Phoenix IV: The History of the Videogame Industry, 2017, S. 628. 642–647; weitere Quellen sind im Text verlinkt.

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Bisher gibt es acht Kommentare

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  • Avatar von Tobias
    Tobias 20.05.2019, 19:19
    Vielen Dank für die lieben Rückmeldungen, da freue ich mich jedes Mal neu drüber!

    Funfact am Rande: Auf meinem System stürzt das Botschafter-Zertifikat immer an einer bestimmten Stelle ab (das ist ja quasi nur ein Video). Kann mich nicht erinnern, dass das auch 2011 so war. Einer von nur ganz wenigen Fällen, in denen mein 3DS in den letzten acht Jahren abgestürzt ist.

    Zitat Zitat von Shauir Beitrag anzeigen
    Ich erinnere mich aber noch gut daran, dass das N64 zwei Monate nach seiner Markteinführung in Europa (am 1.3.1997) eine stattliche Preissenkung von 399,- auf 299,- DM erfahren hat...
    Du beziehst dich auf folgenden Satz, oder: „Es war das erste Mal, dass Nintendo aufgrund schwacher Verkäufe den Preis einer neuen Konsole so kurz nach dem Launch gesenkt hat.“ Da wird dann in der Tat oft das N64 oft als Gegenbeispiel angeführt. Wenn ich mich recht erinnere, waren damals der offizielle Grund aber nicht die Verkaufszahlen, sondern die Preise der Konkurrenzkonsolen. Es geht dann also vor allem um den Teil „aufgrund schwacher Verkäufe“. Aber ansonsten stimmt es natürlich völlig, dass eine frühe Preissenkung wie beim 3DS in Nintendos Geschichte nicht völlig einmalig ist.
  • Avatar von Shauir
    Shauir 20.05.2019, 18:02
    Ich erinnere mich aber noch gut daran, dass das N64 zwei Monate nach seiner Markteinführung in Europa (am 1.3.1997) eine stattliche Preissenkung von 399,- auf 299,- DM erfahren hat...
  • Avatar von padlord
    padlord 19.05.2019, 22:17
    Gott, hatte ich viele 3DS. Den Ur blauen, den goldenen Zelda XL, den limitierten Peach und einen New XL.
    Das einzige Mal das ich mir eine Konsole mehr als einmal gekauft habe.
  • Avatar von Shodan
    Shodan 19.05.2019, 19:32
    Der 3DS war wirklich super! Hätte vielleicht mit Zelda und der VC zusammen erscheinen sollen. Ich habe die Veröffentlichung der GB-Spiele sehr herbeigesehnt und wurde nicht enttäuscht!
    Toller Bericht, auch wenn der letzte Punkt nicht so abgehandelt wurde!
  • Avatar von Duplikator
    Duplikator 19.05.2019, 18:07
    Originalen 3DS welcher damals sogar vorbestellt wurde hab ich immer noch.
  • Avatar von Minato
    Minato 19.05.2019, 12:38
    Immer wieder ein Vergnügen deine Artikel zu lesen und wie immer vielen Dank für deine Mühen. Ich kann mich noch sehr gut an die Zeit erinnern, das hat viele Erinnerungen wach gerufen
  • Avatar von mithos630
    mithos630 19.05.2019, 10:07
    Ein sehr schöner Bericht
  • Avatar von virus34
    virus34 19.05.2019, 08:45
    Dankeschön schon mal für den Bericht, auch wenn ich ihn erst gleich nach dem Mittagessen lesen werde. Aber er ist bestimmt wieder super.