Nintendo ist eine verrückte Firma, im besten Sinne des Wortes. Kein anderer Spielehersteller hat ein derart vielfältiges Angebot an Titeln, von bewegenden Rollenspielen über Abenteuer, die Videospielgeschichte geschrieben haben, bis hin zu verrückten Titeln, die kaum zu beschreiben sind. In die letzte Kategorie fällt auch „Tomodachi Life“, das auf dem 3DS eine Fangemeinde begeistern konnte. Nun erscheint endlich der Nachfolger „Tomodachi Life: Wo Träume wahr werden“. Und nach vielen, vielen Stunden zeigt sich: Die besten Geschichten schreibt das Leben.

Tomodachi Shore
Die wichtigste Frage ist natürlich, worum es sich bei „Tomodachi Life“ überhaupt handelt. Im Grunde ist das Spiel eine Lebenssimulation, in der Spieler:innen zahlreiche Miis erstellen und fortan schauen, wie diese miteinander interagieren. Dabei bestimmt man ihre Persönlichkeit, ihr Aussehen und auch, mit wem sie sich unterhalten. Wie genau die Gespräche aber ablaufen, was sie in ihrer Freizeit machen und mit wem sie sich gut verstehen, liegt außerhalb unserer Kontrolle. Dementsprechend nehmen Spieler:innen die Rolle eines regelrechten Gottes ein, der die Inselbevölkerung erschafft, aber am Ende des Tages nicht kontrolliert.
Das ist natürlich stark vereinfacht, denn natürlich darf man mehr machen, als zwei Miis dazu zu bringen, sich zu unterhalten. Aber bevor man überhaupt überlegt, ob man Spaß mit dem Titel haben könnte, sollte man sich bewusst sein, dass es sich hierbei nicht unbedingt um eine aktive Lebenssimulation wie „Die Sims“ handelt. Das ist aber auch nicht schlimm, denn wer sich darauf einlässt, erhält ein wirklich einzigartiges Spiel.
Miis unter Palmen
Bevor es an das Inselleben geht, müssen natürlich Miis erstellt werden. Anfangs wird das Ziel von sechs Miis als Tutorial vorgegeben, im späteren Verlauf darf man bis zu 70 erstellen. Das sind zwar weniger als im Original, negativ fällt das aber nicht unbedingt auf, da sie alle in einzelnen Häusern wohnen und sich selbstständig auf der Insel bewegen. Der Charaktereditor ist bemerkenswert geraten, denn die Auswahl an Feinheiten, von Augenposition bis hin zu ausgefallenen Frisuren, sorgt dafür, dass nahezu jeder erdenkliche Mii erstellt werden kann. Und wem das nicht reicht, der darf per Schminke noch zusätzliche Details selbst malen, wahlweise mit dem Controller oder dem Touchscreen. Das funktioniert überraschend gut und sorgt dafür, dass der Kreativität keine Grenzen gesetzt sind. Schade nur, dass man keine Details online tauschen kann.
Auch bei der weiteren Personalisierung gibt es einen großen Sprung. Die Miis können eine von 16 verschiedenen Persönlichkeiten haben, die durch fünf Kategorien bestimmt werden. Zudem hat Nintendo ein Versprechen eingehalten und lässt mehr Vielfalt zu: Miis können nun auch non-binär sein und die Partnerpräferenzen lassen sich wählen, von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften bis hin zu keinerlei romantischen Interessen. Das erweitert die Anpassungen wunderbar, denn auch Pronomen können unabhängig vom Geschlecht gewählt werden, auch wenn im Deutschen leider nur zwei Pronomen ausgewählt werden können, während in der englischen Version „they“ möglich ist. Dass es aber überhaupt so viele Anpassungsmöglichkeiten gibt, ist immens lobenswert, und auch, welche Kleidung zu speziellen Events getragen wird, kann vorbestimmt werden. Nintendo geht damit einen wichtigen Schritt, der es viel mehr Gruppen ermöglicht, ihre Trauminsel zu erstellen. Und wer das nicht möchte, kann die neuen Optionen schlichtweg ignorieren.

Ich bin ein Mii, lasst mich hier rein!
Spieler:innen können natürlich mehr tun, als nur Miis zu erstellen und zu beobachten. Hier kommt der eigentliche Ablauf ins Spiel: Nahezu jederzeit melden sich mehrere Miis mit Wünschen. Das kann mal eine Frage sein, der Wunsch nach einem Geschenk oder das Angebot, ein Mini-Spiel mit ihnen zu absolvieren. Diese Wünsche wiederholen sich zwar immer wieder, sorgen aber dafür, dass man sich aktiv mit den Miis beschäftigt und ihren Charakter weiterentwickelt. Mit jeder Interaktion und jedem erfüllten Wunsch steigen sie nämlich im Level, und bei jedem Level-up können ihnen Hobbys, Verhaltensweisen und weitere Eigenschaften geschenkt werden, wodurch sie noch einzigartiger werden. Das motiviert ungemein, denn wenn man die Miis über Wochen hinweg begleitet und sieht, wie sie sich entwickeln, erinnert das an eine TV-Serie. Dementsprechend ist „Tomodachi Life“ auch wunderbar kurzweilig, denn man kann für fünf Minuten reinschauen und sich mit ein paar Miis unterhalten, aber auch mehrere Stunden auf der Insel verbringen.
Hier bröckelt die bisherige Lobeshymne aber ein wenig. Die Gespräche und Wünsche sind nämlich durchaus witzig und überraschend, vor allem wenn surreale Zwischensequenzen abgespielt werden, bei denen man niemals erraten kann, wie diese enden. Ein weiteres Highlight sind die Szenen, in denen man Wörter einführen darf, zum Beispiel von Personen, Gegenständen oder Aktivitäten, und diese dann in den Wortschatz der Miis integriert werden. Plötzlich unterhalten sie sich über Drag Race, XP farmen oder Pedro Pascal. Genau das macht den besonderen Charme aus. Nach wenigen Tagen wiederholen sich aber bereits viele Szenen, die Minispiele werden irgendwann dröge und von der anfänglichen Begeisterung bleibt eher die Hoffnung, dieselbe Situation nicht zum 20. Mal zu sehen. Hier wäre mehr Vielfalt notwendig gewesen, um auf Dauer zu überzeugen. Vielleicht kommen irgendwann per Updates neue Inhalte hinzu, aber das bleibt vorerst ein Wunsch.
Heated Islandry
Eine weitere Möglichkeit, in das Geschehen einzugreifen, ist, Miis an bestimmte Orte zu tragen, wo sie sich mit anderen treffen können. Und hier beginnt die soziale Ebene, denn Miis können sich anfreunden, verfeinden und auch verlieben. Neu sind Dreiecksbeziehungen, denn ein Mii kann sich in einen verlieben, der wiederum in einen anderen verliebt ist. Das daraus entstehende Drama kann zu wunderbaren Szenen führen, die voller Humor, Drama und Herzschmerz sind.
Genau in diesen Momenten entfaltet „Tomodachi Life“ sein volles Potenzial, denn wenn man mehrere Wochen mit den Miis verbringt, ihre Gedanken verfolgt, mit ihnen mitfühlt, nur um dann anzusehen, wie sie von ihrer großen Liebe abgewiesen werden, gehört das zu den intensivsten Gaming-Momenten, die man erleben kann. Auch hier muss angemerkt werden: Das wird nicht für jede:n funktionieren. Wer aber zur Zielgruppe gehört und für wen das Spieldesign „klick“ macht, der wird auch nach 100 Stunden noch mitfiebern.
Auf der anderen Seite sind es die schönen Momente, die das Inselleben ausmachen. Unsere ersten beiden Bewohner heißen, sehr kreativ, Tom und Evil Tom. Eigentlich sollte hier, auch basierend auf den Charaktereigenschaften, eine ganze Menge Drama entstehen, nach ein paar Tagen entwickelte sich aber eine Freundschaft, aus der mehr wurde. Das Problem: Beide wollten ihre Gefühle nicht zugeben. Und während andere Miis ihre Liebe gestanden, heirateten und Herzschmerz erlitten, verbrachten Tom und Evil Tom jeden Tag mehrere Stunden miteinander, ohne ihre Gefühle dem jeweils anderen zu offenbaren. Der Moment, als es endlich so weit war und sie ein Paar wurden, war schlichtweg unbezahlbar und zeigt, wie schön „Tomodachi Life“ sein kann. Diese Geschichte, die über Wochen hinweg erzählt wurde, haben wir in dieser Form in noch keinem anderen Spiel erlebt.

Die Sommerinsel der Miis
Man könnte bei all den Geschichten fast vergessen, dass es ein weiteres Hauptfeature gibt. Die Insel, auf der das Geschehen stattfindet, wird nämlich irgendwann ganz schön voll, durch neue Einrichtungen und natürlich Wohnungen. Und obwohl Miis zusammenziehen können, wird der Platz knapp. Deshalb dürfen Spieler:innen die Insel frei gestalten, von neuen Landmassen über Flüsse und Straßen bis hin zu Stränden.
Auch die anfangs vorgegebene Form darf dabei aufgebrochen werden, wodurch der Kreativität nur wenige Grenzen gesetzt werden. Mehrere kleine Inseln, die durch Straßen miteinander verbunden werden? Ein Stadtgebiet und ein Wohngebiet? Ein buntes Chaos? Alles wird hier ermöglicht und durch übersichtliche Menüs geht das auch schnell. Dekorationen dürfen ebenso hinzugefügt werden, und dann wären da natürlich noch die Inneneinrichtungen, die ebenso ausgetauscht werden können wie die Kleidung der Miis. Hier ist für eine Menge Inhalt gesorgt, auch wenn es niemals normal wirken wird, dass Geschenke und Nahrungsmittel aus fotorealistischen Bildern bestehen. Allerdings wäre auch hier noch mehr möglich gewesen, gerade bei der Inselgestaltung, denn mit einem „Animal Crossing“ kann „Tomodachi Life“ nicht mithalten.
Zudem können auch eigene Gegenstände entworfen werden. Egal ob Videospiele, Musik, Haustiere oder Nahrungsmittel, man darf durch den Zeichen-Editor loslegen und so ziemlich alles erschaffen, was man möchte. Besonders beeindruckend ist, dass es keinen echten Filter gibt, die Charaktere aber trotzdem jedes Wort aussprechen. Hier kann sogar die Schreibweise und die Aussprache getrennt voneinander angegeben werden, was in vielen Situationen sehr hilfreich ist. Auch hier dominiert die Freiheit: Jeder darf gestalten, was er möchte und dann die Miis dabei beobachten, wie sie damit interagieren.
Kampf der Konsolen
„Tomodachi Life: Wo Träume wahr werden“ ist ein Spiel für Nintendo Switch 1 und kommt deshalb auch mit den typischen Einschränkungen daher. Vorweg: Das Spiel sieht gut aus, läuft flüssig mit 30 FPS und es kommt zwar zu einigen Rucklern bei Ladezeiten, durch die das Spiel für wenige Sekunden einfriert, nichts davon beeinträchtigt aber die Spielerfahrung gravierend. Ärgerlicher sind da schon unschöne Kanten und Texturen, die gerne mehr Details besitzen könnten, insbesondere die Böden. Eine Nintendo Switch 2-Version wäre wünschenswert, insbesondere bezüglich der Bildrate und der Auflösung, die vorhandene Version ist aber nicht schlecht.
Besser ist der Soundtrack: Die Melodien des Titels variieren von Fahrstuhlmusik bis hin zu absoluten Ohrwürmern, während die Vertonung der Miis sehr speziell ist, dem Titel aber auch einen gewaltigen Charme verleiht. Dank übersichtlicher Menüs ist auch an der Steuerung nichts auszusetzen, wobei eine stärkere Einbindung des Touchscreens insbesondere in den Menüs wünschenswert gewesen wäre. Am Ende bleibt ein solides technisches Paket zurück, das nicht begeistert, aber gut genug ist, damit das Spiel seine Stärken entfalten kann.

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