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The Town of Light: Deluxe Edition

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The Town of Light: Deluxe Edition (eShop)

„The Town of Light“ hatte es nie einfach. Bereits 2016 erschien das Spiel, das vor allem durch seine Geschichte fesselte, denn diese beschäftigte sich mit dem schwierigen Thema der mentalen Krankheiten und einer realen Institution, in der diese geheilt werden sollten. Leider gelang der Sprung 2017 auf die Konsolen überhaupt nicht und endete in einem technischen Desaster, das nie ausgebügelt wurde. Bereits 2018 wurde eine Nintendo Switch-Version bestätigt, die musste aber verschoben werden, da der Publisher unzufrieden mit der Qualität war. Anscheinend hat sich bis zum Endprodukt nicht viel getan, denn „The Town of Light“ ist eine der größten Katastrophen, die Nintendo Switch jemals erreicht hat.

Eine historische Aufarbeitung

Bevor es auf die Kritik zugeht, verdient der Titel auch lobende Worte. Der Spieler schlüpft in die Rolle des Mädchens Renée, das in den 1940er Jahren eine Patientin im Ospedale Psichiatrico di Volterra war. Dabei handelt es sich um eine Nervenheilanstalt, in der die Patienten unsägliches Leid erfahren haben, da zu dieser Zeit noch geglaubt wurde, Folter sei eine passende Behandlungsmethode für diverse Krankheiten. Das muss der Spieler nicht direkt erleben, vielmehr begleitet er Renée dabei, wie sie dorthin zurückkehrt, allerdings viele Jahre später, nachdem die Einrichtung stillgelegt wurde. Eine verlässliche Erzählerin ist die Protagonistin aber nicht, denn zuerst sucht sie nach einer Puppe und möchte nicht, dass dieser kalt wird.

Die Erzählung wirkt in den ersten Minuten wirr, doch das hat seinen Grund. Anhand von Rückblenden und zahlreichen Dokumenten erfährt der Spieler, was genau den Patienten angetan wurde. Dazu zählen auch sexuelle Gewalt an den Patienten sowie Strafen für gleichgeschlechtliche Paare – doch ist Amara, die Renée einst liebte, wirklich real oder lediglich eine falsche Erinnerung? All diesen Fragen geht der Spieler nach und erhält nach und nach ein Gesamtbild über das qualvolle Leben der tragischen Heldin.

Spielerische Dokumentation

In einem rein fiktiven Werk wäre es bereits schwer, über die Foltermethoden zu lesen, durch die die Patienten geführt wurden. Mit jedem Kapitel wird es schwieriger zu lesen und anhand von wunderbar animierten Sequenzen zu erfahren, was Renée angetan wurde, ohne dass es dafür einen Grund gab. Die Heldin ist keine reale Person, doch ihr Leid ist dennoch wahr. Die Macher des Spieles haben nämlich die reale Anstalt digital nachgebaut und Renée als Resultat langer Recherchen geschrieben. Dadurch wird klar, dass es zwar keine Person gab, die genau diese Qualen durchgemacht hat, dafür aber mehrere Patienten, die jeweils einen Teil ihrer Geschichte tatsächlich so erlebt haben.

Somit versteht sich das Spiel weniger als reines Spiel, sondern mehr als interaktive Dokumentation, die nicht ausschließlich sachlich die Geschichte der Medizin in Italien darstellen möchte. Das gelingt durchaus, solange Spieler sich darauf einlassen. Die fesselnde Erzählung lässt einen sprachlos zurück, und sorgt hoffentlich mit dafür, dass dieses dunkle Kapitel niemals vergessen wird.

Ein schlechtes Spiel

Das gerade Festgestellte wird leider ständig auf die Probe gestellt, denn obwohl sich die Erfahrung mehr wie eine interaktive Dokumentation anfühlt, ist sie im Kern leider ein Spiel – und zudem kein gutes. Spieler erleben einen Walking Simulator, in dem mit nur wenigen Objekten interagiert werden kann. Eigentlich muss man lediglich Stationen abklappern, doch man weiß häufig gar nicht, wohin man soll. Die anfangs beschriebene Aufgabe macht dies deutlich, denn man kann planlos durch die zu diesem Zeitpunkt begehbaren Räume laufen, ohne zu wissen, wohin man die Puppe nun bringen muss. Hinweise bleiben eine Fehlanzeige, und das zieht sich leider durch das gesamte Spiel.

Das stört die Atmosphäre immens, denn anstatt durch die Einrichtung geführt zu werden, fühlt sie sich schnell wie ein schlecht designtes Labyrinth an. Einerseits haben die Macher den Ort perfekt nachgestellt, doch das stört sich mit dem Leveldesign, das die Gameplay-Elemente benötigen würden. Auch aufgrund der fehlenden Interaktionsmöglichkeiten fühlt sich der Ort nicht authentisch an und die Erzählung wird ständig pausiert, anstatt den Spieler wahrlich zu fesseln. Das ist deshalb so tragisch, weil eine wichtige Geschichte erzählt wird, die durch jeden Gameplay-Moment heruntergezogen wird. Ein Videospiel ist nicht immer eine bessere Alternative zu einer traditionellen Dokumentation. All das wird im letzten Drittel zu einer Katastrophe, wenn plötzlich von der Realität abgewichen wird, um noch mehr der problematischen Spiel-Elemente einzubringen. Das Erlebnis verliert seine Identität und verpasst somit das emotionale Payoff, das viel zu chaotisch gestaltet wurde.

Ein neuer Meilenstein für Nintendo Switch

Selbst wenn das Konzept perfekt wäre, die Nintendo Switch-Version ist am Ende des Tages nicht einfach nur grausam, sondern eine waschechte Beleidigung. Bereits auf PlayStation 4 litt „The Town of Light“ unter zahlreichen technischen Problemen, doch was das Team auf die portable Heimkonsole gebracht hat, übertrifft, oder eher untertrifft, jegliche Erwartungen. Das beginnt bereits bei den Texturen, die häufig gar nicht vorhanden sind, sodass Wände aus einer einheitlichen Matsche bestehen und Objekte völlig unrealistisch aussehen. Manchmal glaubt man, Texturen würden einfach spät laden, doch sie scheinen vollständig zu fehlen.

Hinzu kommt das gar nicht vorhandene Anti-Aliasing, weshalb jedes Haus, jeder Baum und jeder Tisch durch dermaßen viel Treppchenbildung in den Fokus gerückt werden, dass zu keinem Zeitpunkt ein atmosphärisches Gesamtbild entsteht. Häufig wird der Vergleich zu N64-Spielen gezogen, doch hier ist es sogar gerechtfertigt. Objekte sind detaillierter, doch sie scheinen die Konsole völlig zu überfordern, sodass die Welt hässlicher aussieht, als alles andere auf Nintendo Switch. Selbst die Räume sind derart niedrig aufgelöst, dass man die komplexeren Apparate gar nicht erkennen kann.

Schlimmer geht es kaum

Natürlich wurden hier nicht die Grenzen der Nintendo Switch erreicht, die Portierung ist einfach völlig schiefgelaufen. Woran das liegt, können wir nicht feststellen, doch das Spiel ist so hässlich geworden, dass es unspielbar wird. Der Fokus liegt auf der Nachbildung einer realen Kulisse, doch wenn diese konsequent so lächerlich aussieht, dass man sich gar nicht auf sie einlassen kann, wurde das Hauptziel vollständig verfehlt. Da hilft es auch nicht, dass die Geschichte gut ist, die Sprecher einen soliden Job machen und die subtile Musik die Atmosphäre fördern könnte – wenn man permanent mit den technischen Problemen kämpft, kann einfach keine Empfehlung ausgesprochen werden.

Man könnte sich noch über die Bildrate aufregen, die trotz heftigem Downgrade niemals die 30er Marke erreicht. Doch das fügt sich lediglich in das Hauptproblem ein, denn hier würde kein einfacher Patch helfen, das Projekt müsste komplett neu aufgerollt werden, was höchstwahrscheinlich niemals passieren wird. Somit bleibt lediglich die PC-Version übrig, die zwar von der Struktur geplagt wird, dafür wenigstens die passende Atmosphäre liefert.

Weiterführende Links: Forum-Thread

Fazit & Wertung

„The Town of Light“ ist ein tragisches Beispiel für eine wichtige Geschichte, die nicht gut in ein Videospiel umgearbeitet wurde. Der Dokumentationsansatz passt zwar, doch die Gameplay-Elemente sind konsequent unangebracht und lenken eher ab, anstatt über die tragischen Schicksale der Patienten zu lehren. Den Vogel schießt leider die technische Umsetzung ab, die so schlecht ist wie in keinem anderen Spiel, das ich auf Nintendo Switch erlebt habe. Somit lässt sich lediglich eine Warnung aussprechen, denn ernst nehmen kann man das Spiel auf der portablen Konsole nicht.

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