Wer bei „Reanimal“ auf einen direkten Nachfolger von „Little Nightmares“ hofft, liegt nur teilweise richtig. Tarsier Studios greifen zwar erneut auf düstere Bilder und ruhigen Horror zurück, erzählen diesmal jedoch ein anderes Spiel. Weniger ikonische Monster, mehr zwischenmenschliche Spannung und ein deutlich stärkerer Fokus auf gemeinsames Erleben prägen dieses Abenteuer. Statt Isolation rückt Abhängigkeit in den Mittelpunkt, statt Alleingängen zählt Zusammenarbeit. Auf der Nintendo Switch 2 entsteht daraus ein Horror-Adventure, das nicht laut erschrecken will und sich zusehends langsam festsetzt.

Same Studio, different nightmare
Die Handschrift von Tarsier Studios ist sofort erkennbar. Verzerrte Proportionen, beklemmende Räume und eine Welt, die mehr Fragen stellt als beantwortet, prägen auch „Reanimal“. Gleichzeitig wirkt das Spiel reifer und bewusster in seiner Ausrichtung. Der Horror entsteht weniger aus einzelnen Schockmomenten als aus der permanenten Unsicherheit. Das Studio verlässt vertraute Pfade und nutzt bekannte Mittel, um neue Akzente zu setzen. Das Resultat fühlt sich vertraut an, ohne sich zu wiederholen.
Lost Boys ohne Neverland
Im Zentrum stehen zwei Geschwister, die sich in einer verstörenden Welt auf die Suche nach verschwundenen Freunden begeben. Klare Erklärungen bleiben aus. Die Geschichte entfaltet sich über Umgebungen, Situationen und kleine Beobachtungen. Verlassene Gebäude, industrielle Relikte und dunkle Innenräume erzählen von einer Welt, in der etwas grundlegend aus dem Gleichgewicht geraten ist. Statt klassischer Zwischensequenzen entsteht das Narrativ aus Bewegung und Stillstand. Wer aufmerksam spielt, setzt sich das Gesamtbild selbst zusammen.
Auffällig sind zudem die Masken, die in mehreren Begegnungen eine prägende Rolle einnehmen. Ihre Designs reichen von surreal-grotesk bis beinahe verstörend realistisch. Manche wirken absurd verfremdet, andere erinnern mit deformierten, fast menschlichen Zügen an klassischen Body-Horror. Diese visuelle Vielfalt verstärkt das Gefühl permanenter Unsicherheit.

Zusammen rein, zusammen raus
Das Zusammenspiel der beiden Figuren ist der Kern von „Reanimal“. Das Spiel kann allein oder gemeinsam erlebt werden, entfaltet seine volle Wirkung jedoch im Koop. Die geteilte Kamera zwingt dazu, stets in der Nähe des anderen zu bleiben. Zu große Distanz ist kaum möglich, jede Bewegung will abgestimmt sein. Daraus entsteht eine Spannung, die nicht von Gegnern ausgeht sondern viel mehr von der gegenseitigen Abhängigkeit. Rätsel sind genau darauf ausgelegt. Hebel müssen koordiniert betätigt, Wege gemeinsam freigemacht und Gefahren zusammen umgangen werden. Kommunikation wird zum entscheidenden Werkzeug. Umso schöner aber auch, dass man wahlweise alleine spielen kann, wenn gerade lokal oder online keine zweite Person zur Hand ist.
Bitte nicht auffallen
Konfrontationen im klassischen Sinne spielen kaum eine Rolle. Gegner sind meist übermächtig und lassen sich nicht besiegen. Beobachten, Schleichen und Abwarten bestimmen das Tempo. Schon kleine Fehler können fatale Folgen haben. Diese Zurückhaltung verleiht jeder Begegnung Gewicht. Fortschritt fühlt sich verdient an, weil er selten ohne Risiko erreicht wird. Das Spiel lebt von der Angst, entdeckt zu werden, und von der Unsicherheit, ob der nächste Schritt bereits zu viel ist.

Lernen durch Scheitern
Mechanisch bleibt „Reanimal“ bewusst reduziert. Es gibt keine überladenen Menüs oder komplexen Systeme. Neue Möglichkeiten ergeben sich organisch aus dem Spielverlauf. Vieles lernt man durch Ausprobieren und durch Fehlschläge. Das Spiel erklärt wenig und verlangt Geduld. Wer sich darauf einlässt, wird mit einem dichten Spielfluss belohnt, der kaum unterbrochen wird und die Spannung konstant hält.
Ein langer, dunkler Weg
Im weiteren Verlauf zeigt sich, dass „Reanimal“ keine klassischen Höhepunkte anstrebt. Statt einzelner spektakulärer Momente setzt das Spiel auf einen gleichmäßigen Spannungsbogen. Eine beklemmende Situation geht fließend in die nächste über. Pausen sind selten. Diese Konsequenz kann fordernd sein, verstärkt jedoch die Wirkung. Das Abenteuer fühlt sich wie ein zusammenhängender Weg an, der ohne klare Zäsuren auskommt und gerade dadurch intensiv bleibt.
Mehr Schatten als Antworten
Technisch zeigt „Reanimal“ auf der Nintendo Switch 2 eine stimmige Umsetzung. Licht und Schatten werden gezielt eingesetzt, um Räume unübersichtlich und gruselig wirken zu lassen und Spannung aufzubauen. Dunkle Areale sind dicht gestaltet, einzelne Lichtquellen lenken den Blick und prägen die Atmosphäre. Mittels der zwei Bildmodi lässt sich wahlweise eine stabilere Bildrate oder eine detailreichere Darstellung priorisieren.
Auch akustisch bleibt das Spiel dem Genre treu. Der Soundtrack setzt gekonnt Akzente, während Umgebungsgeräusche die Unsicherheit verstärken. Trotz insgesamt reduzierter Dialoge ist eine deutsche Synchronisation vorhanden. Die wenigen gesprochenen Passagen wirken dadurch unmittelbarer und setzen gezielte Akzente innerhalb der sonst stillen Inszenierung.
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