Inside Nintendo 157: Die 3DS-Reportage, Teil 6: Eine vorläufige Bilanz

Die Zeit ist eigentlich noch nicht dazu reif, den Lebenszyklus des Nintendo 3DS angemessen Revue passieren zu lassen. Denn zum einen wird der mittlerweile acht Jahre alte 3D-Handheld nach wie vor noch produziert und vertrieben – und auch gekauft. Zum anderen ist das Interesse an dem Gerät mit der Veröffentlichung der Nintendo Switch schlagartig abgesunken, sodass ein Rückblick auf den 3DS in wenigen Jahren wohl ganz anders, vermutlich deutlich wohlwollender ausfallen würde als jetzt. Dennoch können wir unsere „3DS-Reportage“ ohne eine wenigstens vorläufige Bilanz nicht beschließen.

Die drei aktuellen Modelle von Nintendo 3DS. Die Produktion der älteren Modelle hat Nintendo bereits eingestellt: Basis-3DS und 3DS XL werden seit 2015, New 3DS seit Mitte 2017 nicht mehr produziert.

Der – noch – schlechtverkaufteste Nintendo-Handheld

Bis März 2019 sind 75,08 Millionen Handhelds der Nintendo-3DS-Familie verkauft worden. Das sind stattliche Zahlen, mit denen im ersten Jahr wohl niemand gerechnet hätte. Dennoch handelt es sich damit um den Nintendo-Handheld mit den niedrigsten Verkaufszahlen – das illustriert, wie erfolgreich Nintendo traditionell in diesem Bereich ist! Die Zahlen des DS hat sein Nachfolger nur knapp zur Hälfte erreichen können. Der Abstand bis zum Game Boy Advance und zur PlayStation Portable, die beide auf je etwa 81 Millionen verkaufte Exemplare kommen, ist zwar nicht hoch, wird höchstwahrscheinlich aber nicht mehr eingeholt werden können.

Etwa 378 Millionen 3DS-Spiele sind auf der ganzen Welt abgesetzt worden. Rein rechnerisch hat jeder 3DS-Besitzer damit genau fünf Spiele für seinen Handheld erworben – ein gutes Verhältnis, das aber doch deutlich geringer ausfällt als bei Wii und DS. Zweifelsohne werden bei den Softwareverkäufen in den nächsten Jahren noch einige Millionen Transaktionen hinzukommen, denn selbst nach dem Produktionsende einer Spielehardware gehen für gewöhnlich weiter neue Spiele für sie über die Ladentheken. Und beim 3DS ist ein Ende der Produktion noch nicht in Sicht – dazu später mehr.

Die beiden Diagramme zeigen die Verkaufszahlen der Geräte der Nintendo-3DS-Familie nach Finanzjahr („FY“) von 2011 bis 2019 gesamt und nach den drei großen Marktregionen unterschieden, links die Jahresverkäufe und rechts die Gesamtverkäufe. Die Kurve der Jahresverkäufe beschreibt ein wenig die Form eines M aus. Ein zweiter Hochpunkt ist ausgerechnet zur Zeit der Enthüllung und Veröffentlichung der Switch zu sehen. Interessanterweise hat in Japan seit 2013 ein konstanter Rückgang stattgefunden. (Zum Vergrößern anklicken!)

Das M steht für Marktdominanz

Zunächst möchten wir einen Blick auf die zeitliche Entwicklung der 3DS-Verkaufszahlen werfen. Während das Diagramm mit den Jahresverkäufen beim DS annähernd parabelförmig verläuft und bei der Wii nach einem rasanten Start einen stetigen Abfall aufweist, ist beim 3DS deutlich zu sehen, wie die Plattform in der zweiten Hälfte ihres Lebenszyklus noch Aufschwung genommen hat. Nachdem in den Finanzjahren bis März 2012 und März 2013 je knapp 14 Millionen 3DS-Geräte verkauft worden waren, ließen die Zahlen in den nächsten Jahren nach, konnten im Finanzjahr bis März 2017 verglichen zum Vorjahr aber wieder zulegen. Das Diagramm beschreibt ein wenig die Form des Buchstaben M, was in dieser Ausprägung für eine Spielekonsole ziemlich ungewöhnlich ist.

Ebenfalls ungewöhnlich ist, dass der 3DS in den drei großen Marktregionen annähernd gleich erfolgreich war. DS und Wii hatten sich in Nordamerika und Europa deutlich öfter verkauft als in Japan; beim 3DS sind dagegen in jedem Finanzjahr in allen drei Regionen ungefähr gleich viele Geräte verkauft worden. In den ersten Jahren mag der 3DS in Japan etwas beliebter gewesen sein, während in den letzten Jahren die westlichen Gefilde die Nase vorn hatten, insgesamt sind die globalen Zahlen aber überraschend ausgeglichen. In jeder der drei großen Regionen sind somit zwischen 23 und 27 Millionen 3DS-Geräte an den Mann gebracht worden.

Dass Japan deutlich weniger Einwohner als Nordamerika und Europa hat, zeigt angesichts dieser Zahlen, welch großen Anklang der 3DS in Relation zur Bevölkerungsgröße in seinem Heimatland fand. In den letzten Jahren hat die Spieleindustrie in Japan besonders im Heimkonsolen-Bereich starke Einbußen verzeichnet, sodass dort inzwischen anders als im Westen eher mobile Videospiele und Konsolen das Bild prägen. Davon hat der 3DS stark profitiert.

Der Ur-3DS ist der Sieger

Einen wichtigen Beitrag dazu, dass der 3DS lange Zeit aktuell bleiben konnte, haben die insgesamt fünf Revisionen geleistet, mit denen wir uns im Detail in der vorherigen Reportage auseinandergesetzt haben. Das meistverkaufte Modell ist dabei das Grundmodell mit etwa 26 Millionen verkauften Einheiten. Danach folgen auf dem Siegertreppchen der 3DS XL mit etwa 20 Millionen und der New 3DS XL mit zwölf Millionen Verkäufen. Vom 2DS konnte Nintendo gut zehn Millionen Exemplare absetzen und vom New 3DS nur 2,5 Millionen, trotz der exklusiven Zierblenden. Die jüngste und wahrscheinlich letzte Revision, der New 2DS XL, kommt auf vier Millionen verkaufte Exemplare.

Bei den einzelnen Modellen lassen sich anders als in der Gesamtschau deutliche regionale Differenzen beobachten. Beispielsweise fand der New 3DS XL in Europa deutlich weniger Anklang als im Rest der Welt. Außerdem ist der 2DS in Japan nur wenig erworben worden, während der kleine New 3DS in Nintendos Heimatland besonders erfolgreich war. Das hängt vor allem mit der unterschiedlichen Verfügbarkeit der jeweiligen Geräte zusammen: Der 2DS war in Japan nur für kurze Zeit auf dem Markt und der kleine New 3DS kam in Nordamerika mit großer zeitlicher Verschiebung heraus.

Hier sehen wir, wie oft sich welches 3DS-Modell pro Jahr verkauft hat. Deutlich spiegelt sich die zeitlich begrenzte Erhältlichkeit der Modelle wider.

Vita heißt Leben?

Wie schwer es der 3DS zu Beginn hatte, ist aus all diesen Daten und Diagrammen rückblickend kaum noch zu erahnen. Dabei war die Situation damals durchaus ernst: Nach einem erfolgreichen Launch blieb der 3DS hinter Nintendos Erwartungen zurück und trug zu einem ersten Minus in den Konzernbilanzen seit 1981 bei. Heute können wir jedoch nüchtern konstatieren, dass auch die Spielesparten von Sony und Microsoft in dieser Zeit mit schwächelnden Zahlen zu kämpfen hatten. In der ganzen Videospielindustrie waren die Konsolenabsätze rückläufig.

In den darauf folgenden Jahren spielte der 3DS eine Schlüsselrolle dafür, dass Nintendos Bilanzen nicht noch schlechter ausfielen. Während die Wii U ein waschechter Misserfolg wurde, hielt das Mobilgerät auf der Handheld-Front gut die Stellung. Vor allem gegen die direkte Konkurrenz schlug sich der 3DS wacker. Er konnte am Ende des Tages der PlayStation Vita nicht nur die Stirn bieten, sondern das Rennen souverän für sich entscheiden – wobei schon relativ früh absehbar war, dass der Ende 2011 veröffentlichte Konkurrenzhandheld wider Erwarten kaum gegen das 3D-Gerät würde ankommen können.

Bis Mitte 2018 sind von der Vita etwa 16 Millionen Exemplare und damit weniger als ein Viertel der Gesamtzahlen des 3DS verkauft worden. Bereits 2015 hat Sony die Spieleunterstützung für seine Mobilkonsole eingestellt und ließ verlautbaren, keinen weiteren Handheld zu planen. Das darf jedoch nicht darüber hinweg täuschen, dass die Vita von den Drittherstellern weiterhin stark unterstützt worden ist. Zum 1. März 2019 hat Sony dann offiziell die Produktion der Vita eingestellt.

Nintendos breiteste Handheld-Palette

Im Laufe der Jahre sind über 1300 Spiele für den Nintendo 3DS erschienen, einige hundert davon exklusiv über den Nintendo eShop. Hinzu kommen je nach Region bis zu 300 Virtual-Console-Wiederveröffentlichungen alter Spiele von Game Boy, Game Boy Color, Game Gear sowie NES und – exklusiv für New 3DS (XL) – auch SNES. Darüber hinaus ist der Handheld abwärtskompatibel zu allen DS-Spielen. De facto bedeutet dies, dass kein Nintendo-Handheld ein umfangreicheres und vielseitigeres Software-Repertoire vorzeigen kann als der 3DS. Außerdem hat Nintendo selbst außergewöhnlich viele Spiele herausgegeben, sodass der First-Party-Anteil mit etwa 20 Prozent sehr hoch ausfällt – zum Vergleich: beim DS lag der Anteil bei nur knapp fünf Prozent.

Das erfolgreichste 3DS-Spiel ist laut offiziellen Daten „Mario Kart 7“ mit über 18 Millionen Verkäufen. Die weiteren Bestplatzierungen ergatterten mehrere „Pokémon“-Spiele, die dem 3DS in regelmäßigen Abständen große Schübe verliehen haben, bis auf Platz 4 und 5 Nintendos Maskottchen mit „New Super Mario Bros. 2“ und „Super Mario 3D Land“ folgt – beide Spiele grob im Bereich von 13 Millionen Verkäufen. Darüber hinaus erreichte „Animal Crossing: New Leaf“ Verkäufe jenseits der Zehn-Millionen-Marke, „Super Smash Bros. for Nintendo 3DS“ steht kurz davor.

Diesem Diagramm ist die Anzahl an Spieleveröffentlichungen für den 3DS in Europa zu entnehmen. Der Anteil an Titeln, die Nintendo selbst herausgegeben hat, ist eigens dargestellt. Am meisten neue 3DS-Spiele kamen im Finanzjahr bis März 2014 hinzu, nämlich 109 Stück, davon knapp ein Fünftel als First-Party-Veröffentlichungen. Deren Anteil war im Laufe der Jahre überraschend hoch und konstant.

Abschied vom Casual-Hype

Eine angemessene Würdigung der riesigen Spielebibliothek des 3DS kann im Rahmen einer „Inside Nintendo“-Reportage natürlich nicht erfolgen. Dennoch möchten wir gerne einige Schlaglichter werfen, um zumindest einen groben Eindruck wiederzugeben. Und ganz grob war vor allem ein Genre äußerst gut vertreten: Fans von Rollenspielen durften sich über unzählige Hochkaräter für ihr mobiles Spielgerät freuen – beispielsweise erscheinen allein sieben Ableger von „Etrian Odyssey“. Weniger ausgeprägt als beim DS war indes das Phänomen der sogenannten Shovelware, qualitativ minderwertige Spiele, die dort den Gesamteindruck der Konsole deutlich stärker geprägt hatten.

Ohnehin war das Spieleangebot des 3DS weniger an Gelegenheitsspieler ausgerichtet. Die Casual-Zielgruppe driftete zu Smartphones und Tablets ab, sodass sich ein dezidierter Handheld auch vermehrt wieder auf dezidierte Videospieler konzentrieren konnte. Die auf DS und Wii etablierten Casual-Reihen aus dem Hause Nintendo sind dementsprechend kaum weitergeführt worden; Ausnahmen bilden etwa der Launchtitel „Nintendogs + Cats“ sowie drei „Style Botique“-Spiele. Symptomatisch für die Marktveränderungen ist „Dr. Kawashima“: War die Gehirnjogging-Software auf dem DS noch der letzte Schrei, konnte der 3DS-Ableger der Reihe niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlocken.

Game-Namedropping

Im Laufe der Jahre gaben sich auf dem 3DS die meisten etablierten Nintendo-Reihen die Ehre. Auch hier seien zusätzlich zu den bereits erwähnten Spielen einige Schlagwörter in den Raum geworfen: „The Legend of Zelda“ beehrte den Handheld mit zwei neuen Teilen und zwei N64-Remakes. Die Pokémon ließen sich in zwei Generationen zuzüglich mehrerer Zusatzableger blicken; Mario und seine Freunde mehrfach in mehreren Sport- und Party-Spin-offs – von „Mario & Luigi“ erschienen sogar vier Teile.

Intelligent Systems lieferte neben einem umstrittenen „Paper Mario“-Spiel unter anderem mehrere „Fire Emblem“-Teile. Kirby war inklusive Spin-offs gleich sechs Mal vertreten und Professor Layton erlebte auf dem 3DS vier Abenteuer. Sogar zwei „Metroid“- und ein „Pikmin“-Spin-off erschienen; von „F-Zero“ blieb all die Zeit über leider auch auf dem 3DS nichts zu sehen. Das wohl umfangreichste Spiel für den 3DS dürfte das gigantische „Xenoblade Chronicles 3D“ darstellen. Darüber hinaus verdienen auch „Luigi's Mansion 2“ und „Tomodachi Life“ eine Erwähnung.

Der eShop erwies sich ebenfalls als Publikationsort für viele spielenswerte Perlen, darunter die neuen Nintendo-Reihen „Pullblox“, „Freakyforms“, „BoxBoy!“, „Dillon's Rolling Western“ sowie „The Denpa Men“ – eines von wenigen Spielen, das die AR-Fähigkeiten des 3DS verwendet. Es haben sich im 3DS-eShop also mehrere neue Nintendo-Franchises erprobt, und auch regulär im Handel erschienen mit „Steel Diver“, „Ever Oasis“ und „Miitopia“ völlig neue Nintendo-Spiele. Ferner wurden die Releaselisten des 3DS über die Jahre geprägt durch diverse Teile von „Dragon Quest“, „Inazuma Eleven“, des umfangreichen „Lego“-Spielefranchises, von „Monster Hunter“ sowie „Youkai Watch“.

Die Spieleabsätze für den 3DS pro Jahr und Region in Millionen. Ganz grob korrespondiert der Graph der M-Form der Hardware-Verkäufe. Anders als dort hatte Japan gegenüber dem Westen meist die Nase vorn. Bis der Verkauf von 3DS-Spielen komplett eingestellt wird, kann es erfahrungsgemäß noch ein paar Jahre dauern.

Switch als 3DS-Nachfolger?

Eine deutliche Zäsur für den Spielenachschub des 3DS stellt das Jahr 2017 dar. Ohnehin war seit der Veröffentlichung von Nintendo Switch die Zukunft des 3DS ziemlich unklar. Denn als die Switch im März 2017 erschien, löste sie sofort die Wii U ab, deren Produktion Nintendo im Januar 2017 eingestellt hatte. Der 3DS lief zwar noch deutlich besser als seine große Schwester, dennoch stand wenigstens die Möglichkeit im Raum, dass auch er von der Switch beerbt würde, die die Mobilität eines Handhelds mit der Rechenkraft und den Funktionen einer Heimkonsole kombiniert.

Eine Substitution des 3DS dementierte Nintendo-of-America-Präsident Reggie Fils-Aime damals. Er äußerte, dass der 3DS vielmehr noch ein langes Leben vor sich habe und parallel zur Switch weiterbestehen werde. Die Geräte würden schließlich unterschiedliche Zielgruppen ansprechen: Während auf der Switch die neuesten Inhalte erhältlich seien, biete der 3DS zu einem günstigen Preis ein breites Spielerepertoire. Außerdem sei die Switch in erster Linie eine Heimkonsole, die man auch unterwegs mitnehmen könne, weshalb sie den 3DS nicht einfach obsolet mache, so Reggie. Bekräftigt wurde dies dann auf der E3 2017, als Nintendo versprach, den 3DS auch noch nach 2018 zu unterstützen.

Ein langsames Ende

In den letzten zwei Jahren erschienen für den 3DS vor allem Portierungen wie „Yoshi und Poochys Wooly World“, „Super Mario Maker“ und „Captain Toad: Treasure Tracker“ sowie kleinere Spiele wie „Sushi Striker“, „WarioWare Gold“ oder ein Remake von „Luigi's Mansion“. Mittlerweile wurde die Ankündigung und Veröffentlichung neuer 3DS-Titel regelmäßig mit Unverständnis darüber begleitet, warum die Spiele nicht auch für die Switch oder gleich ausschließlich für diese erschienen. Viele Leute wollten neue Spiele einfach nicht mehr auf dem leistungsschwachen 3DS mit seinen kleinen Bildschirmen sehen, wo die Switch doch HD-Bildqualität für unterwegs bot.

Anfang Januar 2019 sorgte „Mario & Luigi: Abenteuer Bowser + Bowser Jr.s Reise“ mit besonders niedrigen Verkaufszahlen für Aufsehen. Die Neuauflage des dritten „Mario & Luigi“-Teils verkaufte sich zur Markteinführung in Japan so schlecht wie kaum ein „Mario“-Spiel zuvor – deutlicher kann ein Indiz für nachlassendes Interesse an einer Konsole nicht ausfallen. Wenige Monate später ist ein gänzliches Versiegen des Spieleflüsschens zwar noch nicht eingetroffen, dürfte aber nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen.

Seit der Veröffentlichung von „Kirby und das extra magische Garn“ Anfang März, einer weiteren Portierung, stehen keine weiteren Nintendo-Spiele für den 3DS in Aussicht. Nintendo selbst äußerte im April, dass es bezüglich neuer hauseigener 3DS-Titel nichts anzukündigen gebe. Konsequenterweise spielt der 3DS seit einigen Monaten in Nintendos Informationskanälen so gut wie keine Rolle mehr. In der „Nintendo Direct“ zur E3 2019 ist er nicht einmal erwähnt worden. Es ist wohl nur noch mit vereinzelten 3DS-Titeln von Drittherstellern zu rechnen.

Die Nintendo Switch lässt mit ihrer Hybrid-Natur die Grenzen zwischen stationärem und portablen Videospielen verschwimmen und machte so den 3DS für viele Spieler schlagartig obsolet. Diesem kommt mit Klappfunktion, 3D-Bildschirm, StreetPass und Co. einerseits sowie der riesigen Spielebibliothek andererseits durchaus aber noch ein Eigenrecht zu.

Kein neuer Handheld am Horizont?

Die Situation der Spätphase des 3DS erinnert an die Zeit vor 15 Jahren, als der Nintendo DS auf den Markt kam. Damals betonte Nintendo, dass der Touch-Handheld nicht einfach den GBA ablösen, sondern neben diesem und dem GameCube als drittes Standbein bestehen werde. Der GBA verlor dann aber rasch an Bedeutung und wurde faktisch doch durch den DS ersetzt. Nintendo hatte sich durch die Rede vom dritten Standbein Optionen für einen möglichen Misserfolg des DS offen lassen wollen – dass sich der Dual-Handheld wie geschnitten Brot verkaufen würde, war ja vorher nicht absehbar gewesen. Ähnliches dürfte für 3DS und Switch gelten: Unsicher, ob die Switch wirklich zu einem Erfolg avancieren würde, wollte Nintendo die Zukunft des 3DS offenhalten.

Auch wenn die Switch den 3DS nicht ersetzen sollte, so wurde doch die Frage immer drängender, wie die langfristige Zukunft von Nintendos Handheldsparte aussehen würde. Plante Nintendo einen vollwertigen 3DS-Nachfolger oder würden die Switch und potenzielle Revisionen diese Rolle übernehmen? Mitte 2018 äußerte der damals erst frisch ins Amt eingeführte Nintendo-Präsident Shintaro Furukawa, dass Nintendo mehrere Möglichkeiten bezüglich eines 3DS-Nachfolgers in Erwägung ziehe. Die Aussage war sehr schwammig und sollte sich auch in den nächsten Monaten nicht konkretisieren. Mehr und mehr verhärtete sich der Eindruck, dass die Switch einen dezidierten neuen Handheld ersetzen solle. Aber letztlich heißt es hier: Abwarten und Tee trinken.

Eine ausblickende Würdigung

Mögen jetzt die meisten Nintendo-Fans des 3DS überdrüssig sein – die Zeit wird kommen, da der 3DS als Klassiker gilt, an den man sich mit nostalgischen Gefühlen zurückerinnert. Kaum eine Nintendo-Hardware war so vielseitig, bot so viele unterschiedliche Funktionen und nicht zuletzt eine so umfangreiche Spielebibliothek. Auf der Switch werden 3DS-Spiele sicher kein adäquates Zuhause finden können, allein schon aufgrund der fehlenden 3D-Funktion; der 3DS wird also auf lange Zeit der einzige Ort sein, an dem man seine unzähligen spielenswerten Titel erleben kann.

Gleichwohl können wir kaum abwarten, dass ausgewählte 3DS-Klassiker aus den engen Grenzen ihrer Ursprungshardware ausbrechen und eine Neuauflage für eine aktuellere Konsole erleben können. Ein Paradebeispiel dafür ist „Kid Icarus: Uprising“, das, obgleich sehr früh im Lebenszyklus des 3DS erschienen, bis heute eines der 3DS-Exklusivspiele mit dem größten Produktionsumfang ist. Auf einem großen Bildschirm, mit massig Rechenleistung und einem komfortablen Steuerungsschema könnte dieses etwas missachtete Spiel einen zweiten Frühling erleben. Aber selbst dann: Auf dem 3DS ist „Kid Icarus: Uprising“ ein Erlebnis, das sich auf keiner anderen Hardware eins zu eins reproduzieren lässt.

Vier herausragende 3DS-Spiele: „Super Mario 3D Land“ von Ende 2011 war Marios erstes 3D-Jump'n'Run auf einem Handheld. Mit „Kid Icarus: Uprising“ erhielt der 3DS ein Jahr nach Release ein Spiel, das in Puncto Umfang und Präsentation einem klassischen Heimkonsolen-Titel in nichts nachstand. Erst im Oktober 2013 gaben in „Pokémon X und Y“ die Taschenmonster ihr 3D-Debüt. Der erste Handheld-Teil von „Super Smash Bros.“ kitzelte im September 2014 ordentlich was aus dem 3DS raus.

Der Nintendo 3DS – eine Übergangskonsole

Zum Schluss möchten wir uns an einem Fazit versuchen. Der 3DS hat eine sehr bewegte Geschichte mitgemacht, die wir in unserer Reportage nur ansatzweise erzählen konnten. Die Zeit von 2011 bis 2019 war für Nintendo vor allem von großen Veränderungen geprägt, und im Rückblick wirkt der 3DS ein wenig wie eine Übergangskonsole: Jetzt, am Ende des 3DS-Lebenszyklus, steht Nintendo wieder derart erfolgreich da und ist wieder so in aller Munde, wie es vor der Zeit des 3DS gewesen ist. Vor fünf Jahren hat kaum jemand damit gerechnet, dass der Mario-Konzern ein solches Comeback würde hinlegen können – und ohne den 3DS als Übergangshardware wäre das nicht denkbar gewesen.

Diese Leistung musste sich Nintendo aber durch drastische Transformationen erkaufen. Als der Konzern mit DS und Wii im Casual-Markt ein Monopol innehatte, konnte er sich gewisse fragwürdige Entscheidungen erlauben. Nun sind die Gelegenheitsspieler zu einem großen Teil abgedriftet und Nintendo musste erhebliche Markteinbußen erleiden, die sich nur durch eine neue Ausrichtung an Intensivspieler und an aktuelle Standards etwa im Online-Bereich überwinden ließen. Dass die wichtigste und namensgebende Funktion des 3DS wenn auch nicht ganz verworfen, so aber doch stark reduziert wurde, stellte nur den Anfang dar.

Es war ein schwieriger und langwieriger Prozess. Nintendo ging immer neue, längst überfällige Schritte und rang sich dabei zu einer Maßnahme durch, die zuvor lange Zeit kategorisch abgelehnt worden war: Eigene Smartphone-Spiele zu veröffentlichen. Auch Nintendos interne Strukturen wandelten sich in dieser Zeit stark, wie sich allein schon im Abgang oder Teil-Abgang prägender Gestalten wie Satoru Iwata und Shigeru Miyamoto zeigte. Ohne einen Kassenschlager wie den 3DS hätte Big N eine zentrale Absicherung für derartige Transformationen gefehlt. Freilich sieht es jetzt ironischerweise so aus, als habe Nintendo im Zuge dieser Transformationen seine dezidierte Handheld-Sparte aufgegeben.

Wie dem auch sei – blicken wir nach vorn: Am Ende dieses schwierigen und langwierigen Prozesses steht dank der Erfolge der Switch ein gestärktes Nintendo da, das aus seiner durch DS und Wii errichteten Casual-Blase ausgetreten ist – ein Nintendo, das in einer stark gewandelter Industrie gut für die Zukunft gewappnet ist.

Mit dem 3DS-Remake von „Luigi's Mansion“ schloss sich Ende 2018, was die heftige Kritik bezüglich der Plattform übersehen hatte, gleichsam ein Kreis: Auf dem GameCube war für „Luigi's Mansion“ eine 3D-Version geplant, die Nintendo aber nie veröffentlichte. 18 Jahre später konnten Spieler dann doch noch in den Genuss von „Luigi's Mansion“ in 3D gelangen. Einen waschechten Schwanengesang wie etwa „Skyward Sword“ für die Wii scheint der 3DS jedoch nicht mehr zu erhalten.

Ausklang

Ja, der Nintendo 3DS hatte in gewaltige Fußstapfen zu treten. Diese Aufgabe musste der Handheld ganz anders angehen, als Nintendo sich das gedacht hatte – aber er hat sie schließlich doch meistern können, und angesichts der drastischen Veränderungen der Branche wird man dieses Urteil noch um das Adverb „bravourös“ erweitern dürfen.

Darüber hinaus sind wir uns sicher: Auf kurz oder lang wird der 3DS als Klassiker in die Annalen der Videospielgeschichte eingehen. Noch ist uns der Handheld jedoch zu gegenwärtig. Unbestreitbar aber ist eines: Das kleine Gerät hat sich durch seine Spiele und seine einzigartigen Funktionen wie vor allem StreetPass in den Herzen der Nintendo-Fans einen festen Platz gesichert. Wir werden den 3DS in guter Erinnerung bewahren!


Die den Diagrammen und dem Text zugrundeliegenden Daten entstammen Nintendos „Investor Relations“-Datenbank. Zusätzliche Quellen sind im Text verlinkt.

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Bisher gibt es drei Kommentare

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  • Avatar von Shodan
    Shodan 01.07.2019, 10:34
    Bei den Berichten greife ich immer nach dem (nicht mehr) neben mir liegenden 3DS. Dankeschön!
  • Avatar von virus34
    virus34 30.06.2019, 15:12
    Jap auch von mir wieder mal ein vielen Dank für deinen tollen Bericht.
  • Avatar von Minato
    Minato 30.06.2019, 12:28
    Der (vorerst) letzte Report zum 3DS. Ein Rückblick in einigen Jahren wäre dann sehr interessant. Ich bin mir sicher, dass es dann so nostalgisch ablaufen würde, wie du es beschrieben hast
    Wie immer danke ich dir vielmals für deine Bemühungen, Tobi! Immer weiter so, dann gibt es alle drei Wochen stets was Tolles zu lesen