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Inside Nintendo 158: Die Tetris-Story. Erfindung – Lizenz-Drama – Durchbruch (Teil 1)

Kaum ein anderes Videospiel vermag Menschen derart in seinen Bann zu ziehen wie „Tetris“, das nicht zuletzt aufgrund seines enormen Suchtpotenzials zu einem der erfolgreichsten Produkte der interaktiven Unterhaltungselektronik avancierte. In seiner wohl bekanntesten Version für den Game Boy feiert das Puzzlespiel in diesem Sommer nun großen Geburtstag: Vor 30 Jahren ist „Tetris“ in Japan und Nordamerika für den Handheld erschienen. Zugleich kann auch der 35. Geburtstag des Kultspiels begangen werden, denn seine allererste Fassung hat im Juni 1984 für einen russischen Heimcomputer das Licht der Welt erblickt. Anlässlich dieses Doppeljubiläums gehen wir der faszinierenden Story hinter einem der größten Klassiker der Videospielgeschichte nach.

Obacht, „Tetris“-Perfektionisten: In diesem Bild hat jemand wohl nicht effizient gestapelt …

Ein russisches Forschungszentrum

Wenn wir jetzt die Entstehungsumstände von „Tetris“ näher betrachten, betreten wir ein für „Inside Nintendo“ sehr ungewöhnliches Metier. Der Puzzle-Klassiker stammt nämlich aus einem Teil der Welt, der in der Videospielgeschichte ansonsten praktisch keine Rolle spielt: Der Sowjetunion. Hier arbeitete „Tetris“-Erfinder Alexei Paschitnow (häufig auch in der Schreibweise „Pajitnov“) in den 1980er Jahren als Programmierer an der Russischen Akademie der Wissenschaften in Moskau, wo er neue Computertechnik mit Testprogrammen erprobte.

Da in der Akademie damals eine freie und ungezwungene Atmosphäre herrschte, konnte Paschitnow ungestört seinen Interessen nachgehen – und die lagen insbesondere im Bereich von Computerspielen. „Ich begann, alle möglichen mathematischen Rätsel und Ablenkungen, die ich schon mein ganzes Leben seit meiner Kindheit gemocht hatte, zusammenzustellen“, erzählte der 1956 geborene Programmierer. Mit dieser Profession stand Paschitnow nicht allein da, denn damals fanden sich weitere Mitarbeiter der Computerabteilung, die ein Faible für Computerspiele hatten: Dmitry Pawlowski sowie der erst 16-jährige Wadim Gerassimow, der gerade ein Schülerpraktikum absolvierte.

Blöcke aus dem Ostblock

Die drei Programmierer mit der Vorliebe für Computerspiele gründeten innerhalb der Akademie ein Team. „Wir hatten vor, ein Dutzend süchtig machender Spiele für den PC zu entwickeln“, erinnerte sich Gerassimow zurück. „Paschitnow und Pawlowski wollten die Spiele außerdem verkaufen.“ Das stellte für Hobby-Programmierer in den 1980ern generell eine große Hürde dar, umso mehr aber in der Sowjetunion: Das kommunistische System sah keine Möglichkeit für einzelne Personen vor, eigene Produkte zu verkaufen und davon privat zu profitieren.

Diese mauen Aussichten konnten Paschitnow, Pawlowski und Gerassimow aber nicht davon abbringen, ihrem Hobby zu frönen. Innerhalb kürzester Zeit entwickelten die drei 1984 eine Handvoll simpler Computerspiele. Die allermeisten davon sind heute unwiederbringlich verloren oder unzugänglich auf Speichermedien in den Archiven russischer Forschungseinrichtungen verborgen. „Fast alle Spielprogramme von damals existieren heute nicht mehr“, so Paschitnow. Das gilt wohl auch für ein im Kreis um Paschitnow entstandenes Spiel, das der unmittelbare Vorläufer von „Tetris“ sein dürfte.

Oben die verschiedenen Pentomino-Kombinationen (ohne Spiegelungen), unten die Tetromino- und somit auch „Tetris“-Steine. Die jeweiligen Formen ähneln Buchstaben, mit denen die Formen häufig bezeichnet werden. Die „Tetris“-Steine sind dementsprechend (v. l. n. r.) „I“, „S“, „J“, „T“, „L“, „Z“ und „O“ (Bilder: Wikimedia Commons).

Das verschollene Proto-Tetris

In einem der Spiele, die die drei Kollegen besprachen und entwarfen, hatte Paschitnow seine Kindheitserinnerung an Pentominos verarbeitet. Das sind geometrische Figuren aus fünf zusammenhängenden Quadraten (daher auch der Name als Kombination aus „Domino“ sowie der griechischen Zahlvorsilbe für „fünf“), die vor allem als Geduldsspiel bekannt sind, bei dem es bestimmte Formen zu legen gilt. Anstelle von fünfgliedrigen Pentominos, die inklusive gespiegelter Varianten in 18 mögliche Kombinationen vorliegen, nutzte Paschitnow für sein Programm der Einfachheit halber Tetrominos, die aus vier Quadraten bestehen und daher in sieben Formen existieren.

„Paschitnow hatte ein Computerspiel namens ‚Genetic Engineering‘“, erinnerte sich Gerassimow zurück. „In diesem Spiel musste der Spieler Teile aus vier Quadraten mithilfe der Pfeiltasten über den Bildschirm bewegen. Der Spieler konnte verschiedene Formen zusammenstellen.“ Dem Namen nach zu urteilen, hat dem Spiel eine Gentechnik-Szenerie zugrunde gelegen. Worum es genau ging, hat Gerassimow leider nicht mehr behalten – anders als sein Urteil zu Paschitnows Idee: „Ich erinnere mich nicht an das genaue Ziel des Spiels; jedenfalls wirkte es eher öde.“

Hochstapler unerwünscht

„Genetic Engineering“ war offenbar nicht sehr interessant, doch Paschitnow gab nicht auf und entwickelte seine Idee weiter. Er entschloss, dass die Tetrominos in einen rechteckigen Behälter hineinfallen und sich dort stapeln sollten. Der Spieler konnte die einzelnen Steine also nicht mehr frei Schnauze anzuordnen, wie es auch mit dem Geduldsspiel in der Realität möglich ist, sondern musste einen Stapel oder eine Mauer errichten. Aber auch das war noch nicht sonderlich spannend, weil das Spielfeld nach wenigen Sekunden bereits gefüllt war.

Daher entschied Paschitnow, dass eine lückenlos mit Tetromino-Quadraten gefüllte Reihe verschwinden sollte. Damit erhielt das Spiel ein konkretes Ziel und sein gewisses Etwas: Der Spieler muss die zufällig erscheinenden Tetromino-Formen geschickt anordnen, sodass keine Lücken entstehen und der Stapel möglichst niedrig bleibt. Irgendwann erreicht der Turm aber doch die obere Bildschirmgrenze – und diesen Moment so lange wie möglich hinauszuzögern, ist das Spielziel, wenn es überhaupt ein solches gibt. Ein Punktestand stellte einen zusätzlichen Motivationspunkt dar.

Dieses Video stellt das erste „Tetris“-Spiel von 1984 vor – gespielt zwar nicht auf einem Electronika 60, dafür auf dem voll kompatiblen Nachfolgemodell. Die gezeigte Version des Spiels scheint bereits eine spätere zu sein, denn in älteren Versionen werden die Blöcke nur aus eckigen Klammern gebildet.

Ur-Tetris ohne Grafik

Paschitnow taufte seine Schöpfung auf den Namen „Tetris“ – ein Kofferwort aus den Begriffen „Tetromino“ und „Tennis“, seiner Lieblingssportart. Programmiert hatte er sein Puzzlespiel auf einem russischen Computer namens Electronika 60, im Prinzip der sowjetischen Variante des in den 1970er Jahren im Westen weit verbreiteten PDP-11. Da der Electronika 60 wie die meisten frühen Computer über keinerlei Grafikfähigkeiten verfügt, ist das Ur-„Tetris“ rein textbasiert. Die Tetrisblöcke werden mittels eckiger Klammern dargestellt, das Spielfeld durch Punkte, Ausrufezeichen und Klammern – mehr „Grafik“ war gar nicht nötig.

Innerhalb von nur etwa drei Wochen hatte Paschitnow seine Idee umgesetzt und damit die bis heute gültigen Grundlagen von „Tetris“ geschaffen. Als er selbst nicht aufhören konnte, den Prototyp zu spielen, wusste er, dass er hier etwas ganz Besonderes erdacht hatte. „Ich tat so, als wäre ich mit dem Debugging meines Programms beschäftigt, aber in Wahrheit konnte ich einfach nicht aufhören, es zu spielen.“ Und wie Paschitnow hinzufügte, erging es nicht nur ihm als Erfinder so: „Als andere Leute es ausprobierten, konnten sie ebenfalls nicht aufhören. Das Spiel war so abstrakt – das war sein großer Vorzug. Es sagte jedem zu.“

Tetris erblickt das Licht der Welt

Paschitnow selbst hat das Spiel auf Juni 1984 datiert. Traditionell gilt der 6. Juni als „Tetris“-Tag, da an diesem Tag die Electronika-60-Fassung fertiggestellt worden sei; da man beim Ur-„Tetris“ aber gar nicht von einer Veröffentlichung sprechen kann, lässt sich eigentlich auch kein genaues Erscheinungsdatum angeben. Wie dem auch sei – Gerassimow fertigte anschließend innerhalb weniger Tage eine Portierung für IBM-PCs an. „Die MS-DOS-Version unterschied sich ziemlich vom Electronika-60-Entwurf, der ursprünglich nur das Glas und einen Punktezähler hatte“, so Gerassimow.

In der folgenden Zeit entwickelte Gerassimow „Tetris“ in seiner PC-Version mit Paschitnow immer weiter und fügte neue Funktionen hinzu. Die letzte offizielle Fassung für das MS-DOS-Betriebssystem ist Version 3.12 und kann über Gerasimows Homepage noch heute völlig legal bezogen werden – leider ist es wie so häufig bei historischer Computersoftware nicht so einfach, das Spiel auf heutigen Systemen zum Laufen zu bringen. In der Folgezeit passte Paschitnow auch die Fassung für Electronika 60 mehrfach an. Auch diese Version kursiert noch heute im Internet, ist aber deutlich schwieriger zu erhalten und aufgrund der obskuren Hardware nicht so einfach zu emulieren.

Ein Screenshot aus Version 3.12 der ersten MS-DOS-Version von „Tetris“, die Paschitnow und Gerassimow selbst umsonst verteilt hatten.

Das Spiel, das Grenzen überwindet

Dass „Tetris“ ein Welterfolg wurde, grenzt an ein Wunder. Denn da Paschitnow und seine Kollegen ihre Spiele aufgrund der gesellschaftspolitischen Verhältnisse in der kommunistischen Sowjetunion nicht verkaufen konnten, brachten sie „Tetris“ unentgeltlich im Freundeskreis in Umlauf. Von dort aus verbreitete es sich rasch weiter, zunächst innerhalb der Akademie der Wissenschaften, dann in ganz Moskau. Schließlich gelangte das Klötzchenspiel im Juli 1986 sogar über die Grenzen der Sowjetunion hinaus nach Ungarn, wo es für weitere damalige Heimcomputer portiert wurde. Erst damit begann die eigentliche Erfolgsgeschichte des ersten und einzigen Videospiel-Welterfolgs der Sowjetunion.

Was in den folgenden Jahren geschah, ist eine faszinierende Geschichte, die glatt als Drehbuch eines abgedrehten Wirtschafts-Dramas durchgehen könnte. Es geht um Unternehmen aus unterschiedlichsten Gebieten der Welt und ihre Agenten, die alle um die Rechte von „Tetris“ kämpfen, bis hinein in die Reihen von Medienmogul Robert Maxwell und Sowjet-Politiker Michail Gorbatschow. Nicht nur wer heute diese Geschichte im Einzelnen nachzuvollziehen versucht, wird kaum den Überblick behalten können, auch die Protagonisten der „Tetris“-Verhandlungen von anno dazumal verrannten sich in Kommunikationsproblemen und Verhandlungsschwierigkeiten.

Robert Stein – Grundstein des Steinspiel-Erfolgs

1986 über die sowjetischen Grenzen hinaus nach Ungarn geschmuggelt, erregte „Tetris“ dort die Aufmerksamkeit eines Geschäftsmanns mit dem passenden Namen Robert Stein. Dieser erkannte im Steinstapelspiel großes kommerzielles Potenzial und wollte sich daher für sein eigenes Unternehmen Andromeda Software die Rechte daran sichern. So nahm Stein Kontakt mit Moskau auf, um dort sein Anliegen zu klären. Dabei kam es zu einem folgenschweren Missverständnis, als Stein bei der Akademie der Wissenschaften nach „Tetris“ fragte.

„Dort wollte […] niemand etwas von dem Programm wissen“, erzählte Paschitnow über Steins Anfrage, „denn schließlich war es kein genehmigtes Forschungsprojekt, sondern ein privates Hobby von mir. Irgendwie gelangte Stein doch an ein Telex, das ihm mehr oder weniger erlaubte, das Programm für Computer zu lizenzieren.“ Der ausschlaggebende Punkt ist hier das „mehr oder weniger“: Stein hatte zwar das Interesse der Moskauer erregen können, es kam aber kein formaler Vertrag zwischen ihm und der Akademie zustande. Dennoch wähnte er sich nun im sicheren Besitz der „Tetris“-Rechte – und schickte sich sogleich an, diese weiterzuverkaufen.

Links: „Tetris“-Schöpfer Alexei Paschitnow 2008 (Foto: Wikimedia Commons). Rechts: Ko-Schöpfer Wadim Gerassimow, dessen Name völlig zur Unrecht nur selten mit „Tetris“ in Verbindung gebracht wird (Foto von Gerassimows Homepage).

Vertagter Vertrag

Stein bot dem britischen Spieleunternehmen Mirrorsoft die Europa-Rechte an „Tetris“ an und versprach Spectrum Holobyte, der amerikanischen Mirrorsoft-Tochter, die entsprechenden Rechte für Amerika und Japan. Da sich Stein durchaus dessen bewusst war, dass er noch einen formalen Vertrag mit Moskau einholen müsse, versuchte er von 1986 bis 1987 monatelang, in weiteren Kontakt mit der sowjetischen Akademie der Wissenschaften zu treten. Doch von dort gab es keine Reaktion – selbst nicht als Stein gestand, „Tetris“ bereits weiterlizenziert zu haben, weshalb er jetzt unbedingt den Vertrag benötige. Nichtsdestotrotz schloss Stein schließlich im Juni 1987 einen Vertrag mit Mirrorsoft, in dem er sich ausdrücklich als Eigentümer der „Tetris“-Rechte ausgab, was er formal gar nicht war.

Obwohl Stein bald die ersten kommerziellen Veröffentlichungen von „Tetris“ auf den Markt bringen wollte, erhielt er auf mehrfache Nachfrage weiter keine Bestätigung von der Akademie. Das sowjetische Schweigen lag freilich einerseits in der schwierigen Kommunikationssituation begründet – ein einfaches Fax an die Welt jenseits des eisernen Vorhangs zu senden, war für Paschitnow ein enormes Unterfangen, das sich über mehrere Wochen hinzog, wozu noch die Sprachbarriere hinzutrat. Darüber hinaus war es der sowjetischen Akademie der Wissenschaften gar nicht möglich, kommerzielle Interessen zu verfolgen.

Gestörte Kommunikation

„Tetris“-Erfinder Paschitnow selbst stieg bald aus der ganzen Sache aus. „Entweder ich würde mich einmischen und mein Leben lang vor Gericht stehen und um meine Rechte kämpfen oder meinen eigenen Weg gehen“, beschrieb er die Entscheidung, vor der er damals stand. „Also beschloss ich, Game-Designer zu werden und übertrug alle Rechte an ‚Tetris‘ für zehn Jahre an die Moskauer Wissenschaftsakademie.“

Als Paschitnow dann herausfand, dass die Akademie das Spiel gar nicht kommerziell vertreiben durfte, übertrug er die „Tetris“-Rechte an die Regierungsorganisation Elektronorgtechnica, kurz Elorg. Sie durfte als einzige Instanz in der Sowjetunion Soft- und Hardware importieren und exportieren und nahm nun die „Tetris“-Angelegenheit ganz in ihre Hand. Doch von diesen Verschiebungen der Zuständigkeit erfuhr Robert Stein genauso wenig, wie die Sowjeten nicht ahnten, dass „Tetris“ im Westen bereits kurz vor der Veröffentlichung stand.

1988 brachte Spectrum Holobyte „Tetris“ für eine Vielzahl an Plattformen heraus – der erste große kommerzielle Release des Spiels. Hier sind Screenshots aus der MS-DOS-Fassung: Links der Titelbildschirm, in der Mitte die Levelauswahl, rechts das Spielfeld. Man beachte die Grafiken mit Russland-Thematik (Bilder: Mobygames).

Welteroberungsbeginn und Diebstahlabsichten

Im Laufe des Jahres 1988 erschien „Tetris“ unter anderem für Amiga, Amstrad CPC, Apple II, Atari ST, Macintosh, MS-DOS und ZX Spectrum – also für fast alle damals gängigen Heimcomputer-Plattformen. Hersteller Spectrum Holobyte prägte dabei durch forcierte Russland-Grafiken sowie das russische Volkslied Korobeiniki als Hintergrundmelodie stark das Erscheinungsbild des Spiels. Beides hat Nintendo später übernommen. Ferner hat Spectrum Holobyte im Bewusstsein des hohen Suchtfaktors von „Tetris“ zusätzlich eine speicherresidente Version angeboten – also ein „Tetris“ mit Cheftasten-Funktion für den unauffälligen Zeitvertreib am Arbeitsplatz.

All diese Versionen hatten aber eine mehr als fragile rechtliche Grundlage. Für den Fall, überhaupt keinen gültigen Vertrag mehr zu erhalten, plante Stein sogar, die Sowjeten zu hintergehen: Er würde das Spiel einfach von den ungarischen Programmierern, die 1986 erste Portierungen entwickelt hatten, lizenzieren und es unter einem anderen Namen als ungarische Erfindung verkaufen. Doch für diesen Diebstahl geistigen Eigentums war es bereits zu spät. Denn als großes mediales Interesse aufkam am ersten Videospiel, das den eisernen Vorhang überquerte (etwa in der New York Times vom 29. Januar 1988), gab Stein die sowjetischen Ursprünge des Spiels öffentlich bekannt.

Tetris-Tohuwabohu im Lizenzierungs-Labyrinth

Erst über diese westliche Berichterstattung erfuhr Elorg, der neue sowjetische Rechteinhaber von „Tetris“, von der bereits erfolgten Markteinführung der eigenen Marke. Als die Behörde herausfand, dass Robert Stein ein Spiel sublizenziert hatte, an dem dieser eigentlich nie selbst die Rechte besessen hatte, nahm sie umgehend im Februar 1988 mit ihm Kontakt auf.

Nach langen Verhandlungen mit Elorg konnte Stein dann im Mai endlich den so lang ersehnten Vertrag unterzeichnen – allerdings mit einem Haken: Der Vertrag galt nur für die Heimcomputerrechte an „Tetris“. Damit verfügte auch Sublizenznehmer Mirrorsoft nur über die Heimcomputerrechte. Das aber war dem Unternehmen gar nicht bekannt, und so verkaufte es ebenfalls im Mai Lizenzen für Arcade- und Konsolen-Fassungen von „Tetris“ an Atari weiter – Lizenzen also, die es selber überhaupt nicht sein Eigen nennen durfte.

Damit war die Situation – gelinde gesagt – unübersichtlich. „Während Mirrorsoft und Spectrum Holobyte Lizenzen verkauften, die sie gar nicht besaßen, versuchte Robert Stein, diese Rechte für sich selbst von den Sowjeten zu sichern“ (Herman S. 752). Elorg indes war sehr unzufrieden darüber, noch kein Geld erhalten zu haben, obwohl „Tetris“ nun schon seit mehreren Monaten kommerziell erhältlich war. Und nun kam noch ein weiterer Geschäftsmann hinzu, der sich die Rechte an „Tetris“ schnappen wollte.

Henk Rogers, hier 2010, spielte eine zentrale Rolle bei der Jagd nach den Lizenzen an „Tetris“ und verwaltet diese bis heute mit seinem Unternehmen The Tetris Company (Foto: Wikimedia Commons).

Der fliegende Holländer

Henk Rogers stammt aus den Niederlanden, hat sich aber vor allem in Japan einen Namen gemacht, gilt doch sein 1984 entwickeltes Videospiel „The Black Onyx“ dort als erstes großes Rollenspiel. Dem nicht genug, knüpfte Rogers enge persönliche Kontakte zu Nintendo-Präsident Hiroshi Yamauchi und erhielt von ihm die exklusive Erlaubnis zur Entwicklung einer NES-Umsetzung von dessen Lieblingsbrettspiel Go. Rogers hatte also gute Beziehungen zu Nintendo sowie generell auf dem japanischen Videospielmarkt – und just auf diesem wollte der gewiefte Niederländer jetzt „Tetris“ verbreiten.

Aufmerksam geworden war Rogers auf das Spiel während der Consumer Electronics Show im Januar 1988, wo Spectrum Holobyte die PC-Version präsentiert hatte. Sogleich begab sich Rogers auf Lizenzjagd und konnte sich nach komplizierten Verhandlungen einige Rechte sichern, sodass sein eigenes Unternehmen Bullet-Proof Software im November 1988 „Tetris“ für mehrere japanische Heimcomputer und im Dezember auch für das Famicom herausbrachte. Damit war das Suchtspiel zum ersten Mal auf einer Konsole erhältlich, wo es sich mit knapp zwei Millionen Verkäufen rasch zu einem Erfolg mauserte.

Ein steiniger Weg

Die Rechte für eine Handheld-Veröffentlichung waren damals aber noch gar nicht in den Blick gerückt. Bis „Tetris“ also auf den Game Boy gelangen, Nintendo ungeheure Geldsummen in die Kassen spülen und seinen eigentlichen Durchbruch erleben konnte, war es immer noch ein weiter Weg. Diesen sowie eine nähere Betrachtung der berühmten Game-Boy-Version heben wir uns für den zweiten Teil der „Tetris“-Story auf.

Die Quellen zu diesem Artikel sowie weiterführendes Material rund um „Tetris“ werden wir am Ende der gesamten Reportage benennen.

Strenggenommen hat Rogers „Tetris“ nicht alleine auf dem japanischen Markt eingeführt. Ebenfalls 1988 brachte nämlich Sega dort einen entsprechenden Arcade-Automaten heraus, der auf große Popularität stieß.

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Bisher gibt es fünf Kommentare

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  • Avatar von Minato
    Minato 25.07.2019, 12:35
    Ein sehr interessanter Einblick in Etwas, das bis heute nichts von seiner Popularität und Bekanntheit eingebüßt hat und sich trotz der scheinbaren Beschränktheit des Spielprinzips ständig neu erfindet.
  • Avatar von mr.murdock
    mr.murdock 22.07.2019, 22:07
    Meine Hochachtung! Sehr detailliert, nichts was nicht übereinstimmt, zudem verdammt intererssanter Blick hinter den Kulissen.

    Ende der 1980er Jahre hatte ich den Ruhm um Tetris ja selber richtig miterlebt. Erschien zunächst für das Nintendo NES und war da schon sehr beliebt, naztürlich mit der Erscheinung des Game Boy und dessen Version noch viel berühmter.

    Privatunternehmen gab es damals im Warschauer Pakt ganz ganz wenige, denen wurde aber natürlich immer die Hölle gemacht. Das Kombinat genehmigte etwas entweder oder lehnte es schlicht ab.

    Zum Spiel an sich, Tetris faszinierte natürlich massenweise als ein besonders logisches Spiel, Aufbau der 4er-Blöcke, das Verschwinden der Zeilen sowie die Berechnung und Multiplikation der Punktzahl. Leider faszinierten mich sonst nur Tetris 2 sowie Tetrisphere (N64). Ansonsten war es mit Videospielen aus dem Ostblock ziemlich genauso wie mit dem Heavy Metal von dort gut vergleichbar: So etwas gab es auch von dort, damals aber wußten es dort nicht viele.
  • Avatar von Tobias
    Tobias 22.07.2019, 20:53
    Naja es kennt sie ja nicht jeder

    Zitat Zitat von virus34 Beitrag anzeigen
    Danke dir für den tollen Bericht. Es war bestimmt nicht einfach dieser Geschichte hinterher zugehen, so verworren wie das damals war. Liest sich wirklich wie ein guter Wirtschaftskrimi :-)
    War jedenfalls auf keinen Fall leicht, so wie mehrere Sachen an der Reportage. Allein schon bis ich mich auf den Namen festgelegt habe, hat es so lang gedauert, wie bislang noch nie.

    Spoiler
    Hier mal aus Jux und Dollerei die Entwürfe, chronologisch sortiert:

    Inside Nintendo 158: Tetris – die Erfindung, das Drama, das Phänomen
    Inside Nintendo 158: Wie Tetris nach einem Krimi-Drama dem Game Boy zum Durchbruch verhalf
    Inside Nintendo 158: Vom Krimi-Drama zum Game-Boy-Durchbruch – die Tetris-Story
    Inside Nintendo 158: Hobby-Tüftelei, Lizenz-Krimi, Game-Boy-Durchbruch – die Tetris-Story
    Inside Nintendo 158: Die Tetris-Story – Erfindung, Lizenz-Drama, Game-Boy-Durchbruch (1)
    Inside Nintendo 158: Die Tetris-Story – die Erfindung, das Lizenz-Drama, der Durchbruch (1)
    Inside Nintendo 158: Die Tetris-Story. Erfindung – Lizenz-Drama – Durchbruch (1)


    Tetris fesselt mich total – die einzige Version, die ich besitze, ist aber tatsächlich jene für den Game Boy. Da gibt es alles, was ich brauche. Nur ist das Spiel hier absolut gnadenlos. Ich komme nur äußerst selten auf über 100.000 Punkte, irgendwann kommt immer der Moment, an dem ich immer mehr Fehler mache. Aber ohne zu Überlegen wird dann direkt der nächste Versuch gestartet. Total fesselnd (so wie für mich auch die Arbeit an dieser Reportage )
  • Avatar von Garo
    Garo 22.07.2019, 16:51
    Schöner Artikel, Tobi. Aber ich hatte dann doch auf etwas intetessanteres gehofft als die Tetris-Story, die schon zig Mal erzählt wurde.
  • Avatar von virus34
    virus34 22.07.2019, 07:52
    Danke dir für den tollen Bericht. Es war bestimmt nicht einfach dieser Geschichte hinterher zugehen, so verworren wie das damals war. Liest sich wirklich wie ein guter Wirtschaftskrimi :-)